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NACHRUF KABRETTIST HEINRICH PACHL

Der Kölner Kabarettist Heinrich Pachl ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag gestorben.

Er zählte fraglos zu den politisch spitzzüngigsten deutschen Kabarettisten. Wen Heinrich Pachl in seinen Satireprogrammen verbal aufs Korn nahm, der hatte wahrlich wenig zu lachen. Die Zuschauer dafür umso mehr. In der Nacht zum Sonntag ist Pachl im Alter von 68 Jahren in Köln an einer schweren Krebserkrankung gestorben.

Für seine Bühnensoli ist Pachl, der im badischen Nordrach aufwuchs, mehrfach dekoriert worden – Deutscher Kleinkunstpreis, Deutscher Kabarett-Preis, Adolf-Grimme-Preis und einiges mehr. Er trat mit Richard Rogler, Matthias Beltz und Arnulf Rating auf – so wurde er einem großen Publikum bekannt. Im Fernsehen gastierte er vor einigen Jahren im Kölner „Tatort“. WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz würdigte Pachl gestern als einen „Meister der Politsatire“.

Das deutsche Kabarett verliert mit Heinrich Pachl einen seiner wortmächtigsten und unbarmherzigsten Protagonisten. Seine Stimme wird fehlen in Zeiten des medialen Komik-Overkills. Der Titel seines letzten Programms lautet: „Das überleben wir“.

Wir das Kabarettissimo Team sind sehr glücklich darüber, dass wir Heinrich Pachl kennenlernen durften und er mit seinem aktuellen Programm bei uns im Herrenhof Mußbach noch im Januar 2012 aufgetreten ist!

Stuttgart ist doch mehr als Bahnhof

Rheinpfalz, Kultur Regional

Der schwäbische Musikkabarettist Fabian Schläper breitet im Mußbacher Herrenhof „Liebhaberobjekte“ vor dem Publikum aus

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Neustadt-Mussbach. Warum trägt der Mann eigentlich auf allen Plakaten diese unmögliche Mütze? Auf die Bühne kommt er nämlich im schicken Anzug mit Hemd und Krawatte. Fabian Schläper ist kein abgedrehter, seltsamer Vogel, wie das Plakat suggeriert. Er ist vielmehr ein brillanter Sänger, ein versierter Komödiant und ein geübter Tänzer. Das Publikum, das am Freitagabend den Mußbacher Herrenhof aufsuchte, konnte sich davon überzeugen. Dort war der Schwabe auf Einladung der Kleinkunstreihe „Kabarettissimo“ zu Gast.

Die orangefarbene Mütze mit den Bommeln und Ohrenschützern tritt nur einmal in Erscheinung. Nämlich gegen Ende, als Pianistin Iris Kuhn das Ungetüm plötzlich vom Hintergrund beischleppt und es Schläper auf den Kopf setzt. Der tiefere Sinn erschließt sich dem Zuschauer zwar nicht, aber vielleicht wollte sich der Künstler einfach nur witzig in Szene setzen. Sei“s drum. Dass der Stuttgarter solche Späßchen nicht nötig hat, beweist er in seinem Programm „Liebhaberobjekte“.

Und weil der Begriff Liebe ganz weit zu fassen ist, sind auch die geliebten Subjekte oder Objekte weit gestreut. Was oder wen Schläper alles in Herz geschlossen hat, zeigt er treffsicher in Wort, Lied und Bewegung. Im Vordergrund steht natürlich das Zwischenmenschliche. In der Rolle des einsamen Wolfes, der umherzieht, immer auf der Suche nach dem großen Glück beziehungsweise „Ping“, wie er es nennt, mag sich so mancher wiedererkennen. Herrlich persifliert Schläper die klischeebeladenen, klassischen Anbahnsituationen: Der zu misslingen drohende Smalltalk, die Angst beim Rendezvous das Falsche zu bestellen oder vor lauter Aufregung unmögliche Buchstabendreher zu produzieren. Fallen über Fallen, in die unser Anti-Held natürlich tappt. Als Antipode präsentiert er die Lichtgestalt Julian Sonnenhofer, den seine Freunde Juli nennen und dem er nachzueifern trachtet. Der gute Juli mit seinem Nivea-Duft zieht sich wie ein roter Faden durch das Programm, taucht immer dann auf, wenn Idole gefragt sind.

Fabian Schläper lässt seine Zuhörer teilhaben an seiner Gefühlswelt, an seinen Sorgen und Problemen, aber auch an den kleinen Höhepunkten, die das Leben, nicht zuletzt in dem netten Stuttgarter Trödelladen, für ihn bereit hält. Und in seinen teils romantischen, empfindsamen Balladen und Liedern entführt er in die schöne Welt des wundersamen Scheins. Auch von Liebe ist da die Rede, vom herzzerreißenden Abschiednehmen auf Gleis 9. Was bleibt, sind die zwei Bonbonpapierchen, die im Wind tanzen. Schnief!

Doch das ist nur die eine Seite des mehrfach ausgezeichneten Kabarettisten. Perfekt gelingt ihm nämlich der Schwenk zum frivolen Couplet, zu zweideutigen, ja auch eindeutigen Liedern. Gekonnt mimt er dabei eine Art „homme fatal“. Lasziv sich auf einem Stuhl räkelnd oder im schmachtenden Tanz spielt er den perfekten „womanizer“. Die Vorteile eines Singles, der letztendlich sein Bett für sich allein hat, bleiben nicht unerwähnt.

Liebhaberobjekte, das sind aber auch der Goldjunge, der als kleines Stehtischchen fungiert, und den er auf der Bühne aufgebaut hat; das ist möglicherweise ein Haus mit Balkon, mit üppiger Brüstung, oder das Schaukelpferd von Goethe, das bei seinem Lieblingströdler verstaubt. Ihnen allen widmet Schläper einige Verslein, um rasch weiter zum nächsten Thema zu springen. Besonders komisch ist die Beschreibung des kurzen, aber intensiven Lebens einer Eintagsfliege.

Als Schwabe mit Migrationshintergrund, der obendrein von einer Pfälzerin – Iris Kuhn stammt aus Bad Dürkheim – versiert am Flügel begleitet wird, knöpft sich der Kabarettist die Eigenheiten der einzelnen Landsmannschaften vor. „Stuttgart ist mehr als nur ein Bahnhof“ bricht er eine Lanze für seine Heimatstadt. die hübsche Pianistin, die er nicht zuletzt ob ihres Dialektes neckt, dürfte ihm aber gut und gerne noch ein stärkerer Sparringspartner sein. Das könnte das viel zitierte Körnchen Salz in der Suppe sein.

Von Regina Wilhelm

Bitterböse Wahrheiten charmant serviert

Rheinpfalz, Kultur Regional

In der Tradition von Kreisler, Heller und Danzer: Tom Haydn er öffnet mit österreichischen „Pikanterien“ Kabarettissimo – Programm im Mußbacher Herrenhof

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Wer sich in das Genre des österreichischen Chanson-Kabaretts begibt,wird bewusst oder unbewusst an großen Namen wie Georg Kreisler, André Heller, Georg Danzer, Ludwig Hirsch und Wolfgang Ambros gemessen. Tom Haydn, der am Samstag mit seinem Programm „Pikanterien“ im Mußbacher Herrenhof das Kabarettissimo-Programm des zweiten Halbjahres eröffnete, kann neben diesen Größen der so ganz eigenen Kabarett-Gattung des Alpenlandes bestens bestehen.

Und er scheint keine Scheu vor großen Namen zu haben. So war eine der erste Nummern das wunderbare „Geh’n wir Tauben vergiften im Park“ des unvergessenen Georg Kreisler. Auch wenn der 42-Jährige schon seit rund 18 Jahren in Franken lebt, so ist er doch zumindest auf der Bühne ein Österreicher geblieben. Und so ist sein Auftritt geprägt von dieser speziellen österreichischen Melange aus Schwermut, Hang zum Morbiden, Ironie und bitterbösem Zynismus, gepaart mit unwiderstehlichen charme. Mit dieser Mischung befasst sich Haydn beispielsweise mit dem Älterwerden: im Klagelied eines Vierzigers, der langsam das ein oder andere Wehwehchen bekommt oder in dem wunderbar bitterbösen Lied „Wenn die Männer alt sind“.

Haydn hatte dem weiblichen Teil des Publikums empfohlen, bei diesem Lied wegzuhören, doch das hätte er besser seinen Geschlechtsgenossen geraten, denn die bekamen unverblümt den Spiegel vorgehalten.

Böse war aber deshalb keiner, denn im weichen österreichischen Dialekt, gepaart mit einer kräftigen Portion Charme, wirken auch bittere Wahrheiten und härtester Zynismus nicht wirklich böse. Das gilt auch, wenn sich Haydn zynisch und kritisch mit wirtschaftlichen Entwicklungen beschäftigt. Etwa wenn er sich überlegt, dass es doch betriebswirtschaftlich nicht besonders sinnvoll sei, dass in langen Jahren „dressierte Sklaven“ entlassen werden, nur weil sie mal aus Versehen 1,90 Euro Pfandgeld nicht abgerechnet haben.

Zwar stammt Haydn aus Niederösterreich, doch die besonders für Wiener so typische Melancholie ist ihm nicht fremd. Er hat der Depression sogar ein eigenes Lied gewidmet. Nachdenklich-melancholische Lieder, meist gepaart mit einer Portion Ironie, gehören ebenso zu den „PikanterienPikanterien“ wie eine wunderbar ironisch-amüsante Schilderung des Lebens in einem kleinen Dorf in Niederösterreich. Dabei erfährt man beispielsweise, warum Frauen in Kittelschürzen aus Perlon oft auch Gummistiefel tragen. Ebenso herrlich ist das Lied über „Rindfleisch mit Semmelkren“: Seine Schilderung, wie er jahrelang erst als Messdiener und dann als Gast, der sich bei Beerdigungen unter die Trauernden mischt, kostenlos zu seinem Leibgericht kam, ist einfach nur köstlich.

Haydn setzt die Klischees über Niederösterreicher und Wiener geschickt ein, doch immer verbunden mit einer leichten Distanz. Auch der unwiderstehliche Charme ist eines dieser Klischees, die er gekonnt nutzt, etwa wenn er im Lied „Affäre“ Damen im Publikum mit den Worten „Lass‘ uns ganz einfach eine Affäre haben“ anschmachtet. Auch mit der Ehe befasst sich Tom Haydn, und da muss er, der den ganzen Abend andere gekonnt zum Lachen bringt, dann selbst lachen: als Haydn die Ehe als etwas beschreibt, das man „am Anfang nicht so überblickt“ und ein Zuschauer laut und vernehmlich ruft: „Genau!“

Manchmal ist Haydn auch durchaus makaber, etwa wenn er die Träume eines bekennenden Fleischessers schildert, der mit einer militanten Ökoaktivistin liiert ist. Doch den Grat zum Geschmacklosen überschreitet er nie, sondern er bleibt immer amüsant. Auch da hilft der berühmte österreichische Schmäh. Dank dessen ist sogar eine ganz eigene Interpretation des durch die Berlinerin Hildegard Knef bekannt gewordenen Chansons „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, äußerst gelungen. Tom Haydn singt, erzählt, plaudert und spielt gelegentlich Gitarre. Ansonsten überlässt er die Musik seinem „wunderbaren Orchester“, das aus Norbert Nagel, der Saxophon und Klarinette spielt, und dem Pianisten Michael Flügel besteht. Und die machten ihrem Beinamen wirklich alle Ehre.

Von Annegret Ries