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Shootingstar in der Krise

Von Sandrina Lederer

„Es kommt wie’s kommt“ ist bei Martin Frank nicht nur der Name seines Kabarettprogramms, sondern auch sein Lebensmotto. Frech, direkt und herzhaft ehrlich skizzierte er im Mußbacher Herrenhof sein bisheriges Leben.

Neustadt-Mußbach.Er ist gerade einmal 25 Jahre alt, steckt aber bereits in einer Sinnkrise, wie er am Samstagabend bei seinem Auftritt in der Reihe „Kabarettissimo“ verriet. Der in Niederbayern, in der Nähe von Passau, aufgewachsene Shootingstar der Kabarettszene stellt sich des Öfteren die Frage nach dem Sinn des Lebens oder vielmehr: Wie kam er dazu, Kabarettist zu werden? Dabei hatte er doch eigentlich einen ganz anderen Lebenstraum: Opernsänger. Er habe sich schon als neuer Pavarotti, als „Martinello Frankelotti“, auf den Bühnen dieser Welt berühmte Opernarien schmettern hören, doch dieser Traum platzte jäh beim Vorsprechen am Salzburger Mozarteum.

Den Grund präsentierte er dem Mußbacher Publikum dann auch direkt. Beim berühmten Torerolied aus Bizets Oper Carmen hatte er doch glatt einen Texthänger. Was bei der Jury in Österreich wohl nicht so ankam, stieß in der Pfalz auf helle Begeisterung, denn der junge Bayer hat nicht nur ein bemerkenswertes Talent für scharfsinnige und unterhaltsame Pointen, sondern auch eine fabelhafte weiche Singstimme, die er zur Freude der Zuschauer gleich mehrmals zum Einsatz brachte.

Charmant, albern, spitzbübischBei Martin Frank wird schnell klar: Er gehört einfach auf die Bühne! Denn in dem 25-Jährigen schlummert ein wahrer Entertainer, der einfach rausgelassen werden möchte. Irgendwie kann Frank gar nicht anders, als zur kleinen Rampensau zu mutieren. Dabei ist er jedoch nie aufdringlich, sondern äußerst charmant, albern und spitzbübisch. Das zeigte sich schon direkt zu Beginn seines Programms, als er für sich selbst den Anheizer mimte und auf Tuchfühlung mit dem Publikum ging. Mit einem „Grüß Gott“, bei dem sein fränkisch gerolltes R bestens zur Geltung kam, schüttelte er einige Hände und hätte es sogar fertig gebracht, die Zuschauer für ein sportliches Warm-up zum Aufstehen zu bewegen, doch dieses verhinderte er mit einem „Sie haben doch bezahlt, da müssen Sie doch jetzt nicht aufstehen“.

Doch nicht nur das Aufwärmprogramm hätte das Publikum mit Martin Frank absolviert, auch seinen Wunsch nach einem tobenden Willkommensapplaus erfüllten ihm die Pfälzer. Als der Jungkabarettist, der ohne Kaba morgens nie aus dem Haus geht, zu Händels Wassermusik nach dem kurzen Warm-up erneut auf die Bühne trat, tobte das Publikum lautstark. „Das ist jetzt echt überraschend“, witzelte Frank, der für sein Debütprogramm „Alles ein bisschen anders“ mehrfach ausgezeichnet wurde. Obwohl er seine Heimat Niederbayern als das „Land der angeborenen Emotionslosigkeit“ bezeichnet, zeigte er dank seines schauspielerischen Talents, das er bei seiner Ausbildung an einer Schauspielschule in München noch verfeinern konnte, eine ganze Bandbreite an Emotionen.

Erdbeeren im Winter?Egal ob er seiner Oma eine Stimme gab oder ein schwules Modepaar den neuen hippen „Ich zeig meine gefrorenen Knöchel“-Hosentrend kreieren ließ, Martin Frank schaffte es mit seiner Spielfreude, die alle im Saal sofort in ihren Bann zog, wichtige Themen amüsant anzupacken und sie dennoch mit einem nachhallenden Unterton zu versehen, der nachdenklich stimmte. Gegen das hippe Superfood Avocado und Quinoa könne er mit seinem stinknormalen Marmeladenbrot beim Brunch unter Freunden nicht mehr bestehen, meinte Frank, der sich gleichzeitig darüber wunderte, dass man auch im Winter Erdbeeren kaufen kann: „Es verliert doch den Reiz, wenn ich alles das ganze Jahr über kaufen kann“, so Frank.

Den Jammerern in Bezug auf den Fachkräftemangel in manchen Berufen, besonders in der Pflege, hielt er ebenfalls den Spiegel vor: „Ich lerne doch nicht etwas drei Jahre, wenn ich danach meine Familie nicht ernähren kann“, sagte der 25-Jährige, der sich generell mehr Lockerheit in Umgang mit manchen Themen wünsche. „Der Mensch ist so verkopft“. Denn „ohne Bachelor ist man der Depp“, und in Bezug aufs Geschlecht „wird die Auswahl immer größer“. Etwas mehr Akzeptanz für individuellere Lebenswege, wie seiner, sei durchaus wünschenswert. „Schön, wenn man Menschen findet, die diesen Weg mit einem gehen. Heute waren Sie das“, bedankte sich der Shootingstar bei seinem Publikum, das ihn mit lautstarkem Applaus verabschiedete.

Grandioser Rundumschlag

RHEINPFALZ, KULTUR REGIONAL

Von Regina Wilhelm

H. G. Butzko, der am Freitagabend in der Reihe „Kabarettissimo“ im Herrenhof zu Gast war, versteht es, sein Publikum zu verblüffen. Unter dem Motto „Echt jetzt“ streifte er nicht nur seine eigene über 20-jährige Karriere als Kabarettist, sondern nahm auch die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in dieser Zeit ins Visier.

 
Neustadt-Mussbach. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt Butzko und erinnert an die Comic-Serie „Die Simpsons“. Dort ist Anfang der 2000er Jahre behauptet worden, dass ein gewisser Donald Trump einmal Präsident der USA werde. „Was haben wir gelacht.“ 1997 hätte ein US-Präsident beinahe abdanken müssen wegen seines Verhältnisses mit einer Praktikantin. Heute sei einer dran, „der sich damit brüstet, jeder Frau in den Schritt fassen zu können“. Und wer hätte 1998 gedacht, dass mit Gerhard Schröder zum letzten Mal ein Sozialdemokrat Kanzler wird? 

Der politische Parforce-Ritt geht weiter. „Patriotische Europäer – das ist doch ein Widerspruch in sich. Patriots sind Abwehrraketen mit intelligentem Suchkopf…“ Und die Anhänger dieser Bewegung wiesen doch allen Ernstes darauf hin, dass die „Islamisierung in Deutschland voranschreitet“: an der Schule würden schon arabische Zahlen gelehrt. 

„Abhören unter Freunden geht gar nicht“ – doch, sagen die AmisDiese Entwicklung erstaunt den Kabarettisten nicht. Die Politik habe Milliarden für die Bankenrettung ausgegeben – und wie viel für Bildung? Kein Wunder also, „dass das Volk den Rechten auf den Leim geht“. Butzko hebt an zu einer messerscharfen und gleichzeitig ziemlich giftigen Analyse der Amtszeit von Bundeskanzlerin Merkel. „Die Frau ist doch nicht von dieser Welt. Stimmt. Sie ist aus der DDR.“ Genüsslich wiederholt er ihren Satz von 2013, dass das Internet „für uns alle Neuland ist“. Wie lasse sich ihre Betriebsblindheit, Ignoranz, „Bevölkerungsentferntheit“, „Intelligenzinkontinenz“ besser beweisen als mit dieser Äußerung. Die Kanzlerin liege oft „kilometerweit daneben“, betont Butzko. „Abhören unter Freunden geht gar nicht.“ Doch, hätten die Amis prompt gesagt. „Scheitert der Euro, scheitert Europa“. Im letzten Wortteil stecke der Inhalt. Die Merkelsche Sparpolitik habe dazu geführt, dass Europagegner überall auf dem Vormarsch seien. „Was muss eigentlich noch passieren, dass sie Europa als Scheiterhaufen sieht?“

Als „einer, der in ganz Deutschland herumkommt“, zeigt Butzko ein Herz für Ossis. Die Lebensleistung der Ostdeutschen werde überhaupt nicht honoriert, hält er fest. 90 Prozent der Führungskräfte im Osten kämen aus dem Westen. Selbst das Tatort-Ermittler-Team in Dresden stamme aus den alten Bundesländern. „Wie wäre es eigentlich uns im umgekehrten Falle ergangen?“. Herrlich ahmt der Künstler den früheren SED-Generalsekretär Erich Honecker in einer Ansprache ans Volk nach. 

Die Verlierer der Wende fühlen sich nach Worten Butzkos durch die der Globalisierung bedroht, die sich nun in Scharen zu uns aufmachen. Er malt ein eindrückliches und beschämendes Szenario einer potenziellen Kolonialisierung Europas durch Afrika: Wir hätten 2,5 Millionen Tote zu beklagen, die Lausitz und das Saarland wären ausradiert, 70 Prozent des Bodens gehörten Afrikanern, für die wir schufteten. Irgendwann hätten wir genug, würden uns nach Afrika aufmachen, „und dort würde uns als Wirtschaftsflüchtlingen die Einreise verweigert“. Schweigen.

Nach einer kleinen Atempause wendet er sich dem nächsten großen Thema zu, der Digitalisierung. Da gebe es Leute, die den ganzen Tag nichts anderes machten, als auf ihr Handy zu glotzen. „Und für diese Evolutionsbremsen sollen nun noch LED-Lichter an den Fußgängerampeln aufgebracht werden, damit sie nicht hochschauen müssen“, schimpft er. 

Nerds, die nur in Einsen und 
Nullen denken, haben das SagenIn einer fulminanten Betrachtung, die er mit Zitaten von hochrangigen Managern der führenden Social-Media-Konzerne unterlegt, zeigt Butzko den schädlichen Einfluss der Digitalisierung auf. Gemacht sei sie „von Nerds, die nur in Einsen und Nullen denken, wobei eins für gute Noten in Mathe, null für Sozialkompetenz steht“, also von privilegierten Egozentrikern, die im praktischen Leben wenig taugten. Der Künstler erwähnt die Selbstüberhöhung bei Kindern und Jugendlichen, die sich ständig selbst fotografieren. Andere seien angewiesen auf Belohnungs-Emojis, um sich gut zu fühlen. Inzwischen bestimmten Influencer, wie sich junge Leute zu schminken hätten, was sie tragen. Und was noch? Butzko spricht von geschätzten 100.000 Social-Media-Süchtigen. „Wo ist unsere Drogenbeauftragte?“ Und Christian Lindner stelle sich hin und fordere „digital first, Bedenken second“. Neben der Abhängigkeit kritisiert Butzko die Datenmengen, die die großen Konzerne ständig von uns speichern. Conclusio: „Die Digitalisierung schadet mehr als sie nützt.“

Für die Fülle an nachdenkenswerten Anregungen bedankt sich das Publikum mit schier nicht enden wollendem Applaus. Erst nach zwei Zugaben darf Butzko die Bühne verlassen. 

Entspannt und unaufgeregt

Rheinpfalz, Kultur Regional

Den Auftakt der Reihe „Jazz im gotischen Chor“ der Johanneskirche in Mußbach hat das Modern-Jazz-Quintett „2nd circle“ übernommen. Die Besucher erlebten ein eindrucksvolles Konzert, das sich dem Ambiente vorzüglich anpasste.

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Von Andrea Dölle

Neustadt-Mussbach. Thomas Jehle an der Gitarre, Mario Fadani, Bass, Peter Laux am Schlagzeug, Walter Sielski, Flügelhorn und Trompete, sowie Knut Rössler, Tenorsaxophon, sind fünf sehr erfahrene Jazzmusiker aus der Pfalz und Kurpfalz, die alle auch in anderen Formationen oder Bigbands unterwegs sind. Hier spielten sie in einem entspannten, unaufgeregten Stil: weit ausschwingende Melodien in eher gemächlichen Tempo, die viel Platz ließen für zahlreiche Solo-Einlagen und Improvisationen. Sie scheinen das Understatement zu lieben, machen nicht gerne groß von sich reden. Man muss schon genau zuhören, um zu merken, welche Klasse sie haben. Die Zuhörer wussten und hörten es offenbar. Die kleine Kirche war sehr gut besucht, man war schnell warm miteinander – im übertragenen Sinn, denn es war eher kalt in den gotischen Mauern –, und der Beifall gewann von Stück zu Stück an Dauer. „Sie hätten gar nicht so lange klatschen müssen“, war eine typische Ansage von Knut Rössler, der mit trocken-hintergründigem Witz moderierte.

Das Konzert war zweigeteilt: Vor der Pause gab es Stücke von Jazzmusikern, die von den Mitgliedern des Quintetts besonders geschätzt werden, und das waren nicht unbedingt solche, deren Namen in aller Munde sind. Nach der Pause gab es eigene Kompositionen zu hören – nahezu jeder der Fünf ist auch begabter Jazzkomponist oder Arrangeur. Auch über dem Umgang mit dem Kompositionen Anderer hatte Knut Rössler in seiner lakonischen Art Erhellendes zu sagen: „Sie wissen, wie das ist – man spielt den Anfang und das Ende korrekt, und dazwischen machen die Musiker, was sie wollen.“

Das waren dann zum Beispiel Stücke vom Saxophonisten Wayne Shorter. „Ana Maria“ war ein ruhiger, nahezu zärtlicher Titel, bei dem sich das Flügelhorn von Walter Sielski mit dem Saxophon von Knut Rössler abwechselte. Auch mit Echo-Effekten spielten die beiden. Es schadet nicht, zu wissen, dass Shorters Frau Ana Maria hieß und bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. „Simone“ war ein Stück des Saxophonisten Frank Foster, ein „Dreier“: drei Schläge pro Takt, „nicht, dass sie an was anderes denken“, so Knut Rössler. Gitarrist Thomas Ehle, der hier eine akustische Gitarre einsetzte, spielte mit Rössler am Saxophon ein Duo von Pat Metheney, bei dem die Gitarre die Hauptrolle spielte und das Saxophon lediglich zusätzliche Akzente setzte.

In der zweiten Hälfte des Konzerts kamen eigene Stücke. Mario Fadani begann mit einem ausgedehnten und sehr variationsreichen Bass-Solo, dann folgte Walter Sielski mit seinem Stück „Judith please me“: Flügelhorn und Bass begannen, viel später setzte das Schlagzeug ein, und noch später wechselte die Melodie zum Saxophon. Judith ist Walter Sielskis Tochter und gab so die Vorlage für das Wortspiel. Sielski beschränkte sich an diesem Abend allein auf das Flügelhorn, das mit seinem weichen, vollen Klang gut zur Akustik des Raumes passte. Weich und leise – meist mit den Besen – spielte auch das Schlagzeug von Peter Laux, der sich so dem Ort anpasste. Thomas Ehle folgte mit zwei eigenen Stücken, und das letzte Stück „Silence“ sei nur für diesen Abend gedacht, versicherte Rössler. Es waren ruhige, langsam ausklingende Töne, die den Stil bestimmten. Natürlich gab es noch eine laut eingeforderte Zugabe. Die Beschallungstechnik, die letztes Jahr noch Probleme machte, war übrigens einwandfrei.