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Kein Blatt vor dem Mund

Kultur Regional

Kabarettist Helmut Schleich bei „Kabarettissimo“ im Mußbacher Herrenhof

Von Regina Wilhelm

Unter dem Titel „Das kann man so nicht sagen“ schilderte Helmut Schleich dem Publikum im ausverkauften Herrenhof Mußbach zu Gast bei Kabarattissimo seine Sicht auf die Welt. 

Helmut Schleich humpelt auf die Bühne. Er habe sich eine Sportverletzung zugezogen. Beim Triathlon, der von der Zugspitze herunterführte, habe es ihn weggerissen. Gelächter. Ein freundliches „Guten Abend meine Damen und Herren“ folgt. „Bei der Tagesschau hätten sie mich jetzt rausgeschmissen. Weil es sein könnte, dass sich einer, der sich als Stehlampe sieht, nun auf den Schlips getreten fühlt.“ Nein, über die Tagesschau wolle er nicht herziehen, wirke sie doch als Schlankheitskur: „Die Zuschauer haben stark abgenommen.“ Er weiß warum. Da wird auf den Jahrhundertwinter der Jahrtausendsommer herbeigeredet, wenngleich es den so gar nicht gibt. „Glauben Sie nicht, was Sie sehen, wenn Sie aus dem Fenster schauen“, heiße es. Ja, das Wetter sei politisch. Und „wer nix weiß, muss alles glauben“. Deutschland, behaupte die Grüne Britta Haßelmann, erhitze sich schneller als der Rest der Welt. „Ja, schneller bei Totalverblödung“, schiebt Schleich nach. 

Nun knöpft sich der Bayer die Politik vor. „Der Lange Dürre“, seit 6. Mai im Amt, habe vorher nur gelogen – und geriere sich jetzt als „Rangiermeister in der Sackgasse“. Später wird Außenminister Johann – „what a fool“ – Wadephul sein Fett abkriegen. Der habe gemeint, in Syrien sehe es schlimmer aus als in Hannover 45, also „als in Deutschland 2045“. 

Herrlich komisch sind Schleichs Bilder, die er von den Regierenden zeichnet. Da erinnert er Details beschreibend an deren Auftritte auf dem Oktoberfest. Dort weist er auf die Qualifikation der Minister hin: „absurd“, dass Dorothee Bär Ahnung von Raumfahrt haben soll. An deren Stelle hätte man auch Kathi Hummels nehmen können, die ab und zu „Pech mit dem Denken hat“, oder Saskia Esken, die besitze zwar keine Raketen, aber einen Besen. Schluck. Nein, zimperlich dürfen die Zuhörer nicht sein. Schleich ist offen und direkt, nimmt kein Blatt vor den Mund. 

Mit Tempo geht es weiter. Olaf Scholz, heute ganz hinten im Bundestag sitzend, wisse „nicht mehr, dass er mal Kanzler war“. Schleich attestiert ihm so ein dickes Fell, dass er kein Rückgrat brauche, um aufrecht zu stehen. Hätte Merz auch nötig. Grimassen schneidend – ein Talent, das er häufig einsetzt – imitiert er gekonnt Scholzens Auftritt mit Augenklappe: „eine Kombination aus Fluch der Karibik und Stauffenberg“. Schleich empfiehlt Merz, sich eine solche zuzulegen für ein Dreiaugengespräch mit Lars Klingbeil. Und er wäre als Einäugiger mal König unter den Blinden im Parlament. 

Zurück zur Ampel. Die gehe ihm als Kabarettist ab. Nicht mit Florett, mit der Machete macht sich der Münchner über diese her: Habeck, beleidigt das Weite gesucht, steht in seinen Augen für selbstbesoffenen Dilettantismus; Lindner, der beim Überfall auf die Ukraine und der sinkenden Gaszufuhr den Tipp gab, „mit Verstand zu heizen“, wäre selbst erfroren.

Neben der Bahn, die seit neuestem „Stehzüge“ einsetze, widmet Schleich sich ausgiebig der Entwicklung der Sprache. Ein Dorn im Auge ist ihm das überbordende Gendern – er sei auch Student, aber selten Studierender gewesen – und die Anglizismen oder direkten Übersetzungen wie „Ich bin fein damit“. Um dem Bürger nicht die Wahrheit zuzumuten, würden eigene Wörter kreiert: Da sei die Rede von Negativwachstum, Gegensatz Plusschrumpfung. Über die Billionen Schulden, die gemacht werden, müssen zum Glück wir uns keine Sorgen machen. Das sei ja nicht unser Geld, sondern das unserer Ururenkel, am Ende ein arabisches Problem.

Natürlich knöpft sich der Bayer noch seinen Ministerpräsidenten Markus Söder vor, macht sich über dessen protzig-prolligen Auftritte lustig. Ein letztes Glanzlicht setzt Helmut Schleich in seiner Paraderolle als Franz-Josef Strauß. Hier zieht er ein weiteres Mal so richtig vom Leder über frühere und aktuelle Polit-Granden. Die Zuhörer danken mit schier nicht enden wollendem Applaus für die Lehrstunde in Politik- und Gesellschaftskritik.

Quelle

AusgabeDie Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 278
DatumMontag, den 1. Dezember 2025
Seite18

Helmut Schleich – 28.11.2025

Dunkle Geheimnisse des Alltags

Kultur Regional

Musikkabarettistin Tina Häussermann mit einem Abend für alle Sinne im Herrenhof

Von Annegret Ries

Die Kabarettistin, Comedienne und Musikerin Tina Häussermann scheint ein dauergutgelauntes Energiebündel zu sein. Ein bisschen Boshaftigkeit geht aber doch bei ihrem Auftritt im Mußbacher Herrenhof: Sie entlarvt, was Hotelgäste Unanständiges mit Wasserkochern treiben.

Eine Tasche mit der Zahl 25, die von einem Blätterkranz umrankt wird, steht am Samstagabend im Mußbacher Herrenhof auf der Bühne. Das ist einer der wenigen Hinweise darauf, dass das Programm „Happy Konfetti“ mit dem Tina Häussermann in der Reihe Kabarettissimo gastierte, das Programm zu ihrem 25. Bühnenjubiläum ist. Zwar gehören einige Rückblicke auf die vergangenen 25 Jahre dazu, aber das eineinhalbstündige Programm ist kein „Best of“. Dazu hat sie ganz offensichtlich zu viele Ideen.

Einer dieser Rückblicke ist die Erinnerung an Hotels, in denen sie übernachtete. So manches Hotel Garni, nämlich „gar nie wieder hin“ sei dabei gewesen. Bei diesem Rückblick zeigt Häussermann, dass sie trotz Dauerstrahlelächeln auch etwas boshaft sein kann. Etwa wenn sie von dem Nachtportier berichtet, der ihr erzählt, dass manche Hotelgäste ihre Unterhosen und Socken im Wasserkocher auf dem Zimmer auswaschen und dann mit einem spitzbübischen Grinsen den Besuchern prophezeit: „Ihr werdet nie wieder einen Wasserkocher im Hotel benutzen.“

Ratlosigkeit beim StaubsaugerkaufIn den Liedern und Geschichten in „Happy Konfetti“ geht es um das alltägliche Leben, betrachtet mit Humor, Ironie und mit dem Blick der Kabarettistin. Esoterik und spirituelle Modeerscheinungen gehören zu den Themen, denen sich Häussermann annimmt. Es ist zum Brüllen komisch, wenn sie in einem Lied erzählt, wie sie in einem Volkshochschulkurs bei einer Achtsamkeitstrainerin Gelassenheit geübt hat, das „Ooom“ als Ausdruck der Achtsamkeit übt und gleich danach überzeugend einen herrlichen Wutanfall spielt. Und dank Häussermann erfährt man, dass das Baumumarmen beim Waldbaden die Ursache des Waldsterbens sei. Denn so ein Baum möchte nicht von jedem umarmt werden. Damit jeder sieht, wie das so ist, wird der Besucher Klaus zur Buche und von der Kabarettistin umarmt.

Ziemlich viele dürften im Alltag schon einmal die Situation erlebt haben, die Tina Häussermann in dem Lied „Ratlos im Media Markt“ beschreibt. Nachdem ihr Staubsauger nicht mehr saugt, versucht die Kabarettistin erst einen neuen Staubsauger im Internet zu kaufen, da sie aber angesichts der Fülle an Angeboten und technischen Details überfordert ist, geht sie in der Hoffnung auf Beratung in den Elektronikmarkt, dort geht es ihr aber nicht besser als im Internet.

Über die Deutsche Bahn schimpft und klagt fast jeder, doch Häussermann hat sich für ihre Klage etwas einfallen lassen. Was man mit der Bahn so erleben kann, beschreibt sie, indem sie bekannte deutsche Schlager umtextet und die Sänger dieser Schlager von Peter Maffay über Matthias Reim bis zu Nicole perfekt imitiert. Aus dem Song „Barbra Ann“ macht sie das Bahn-Lied „Bababa“, das sie das Publikum im dreistimmigen Chor singen lässt.

Tina Häussermann ist auch eine sehr gute Sängerin und Pianistin. Und sie kann gleichzeitig mit einer Hand Flöte, mit der anderen Hand Klavier spielen und dazu singen. Als das Publikum diese Leistung nicht würdigt, droht sie, „ich mache das so lange, bis ihr applaudiert“, was sofort den gewünschten Erfolg hat, wohl auch deshalb, weil die Flötentöne etwas schräg sind.

Mit dem Thema Hitzewallungen beschäftigt sie sich in einem tollen Rap, bei dem sie sogar auf den Klavierhocker steigt. Bei einem anderen Lied hüpft sie wie ein Derwisch ununterbrochen in die Höhe und sie steigt, wie die Rock’n’Roller früherer Zeiten, mit einem Bein aufs Klavier und mit dem anderen auf den Hocker davor.

Herrlich auch die Texte, in denen sie von den Erlebnissen mit ihren beiden pubertierenden Töchtern berichtet. Sogar das eher ernste Thema Inschriften auf Grabsteinen kann Häussermann humorvoll gestalten, indem sie originelle Grabinschriften, wie „Guck’ nicht so doof, ich läge jetzt auch lieber am Strand“ vorschlägt. Beim Beifall hätte manchen Besuchern etwas vom Temperament von Tina Häussermann gut getan. Die sprühte von Anfang bis Ende so vor guter Laune, dass sich dem letztlich niemand entziehen konnte.

Quelle

AusgabeDie Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 260
DatumMontag, den 10. November 2025
Seite17