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Zeitkritik mit Ironie, Spott und auch Humor

Kultur Regional

HG. Butzko hat Mut. Butzko, der zur aussterbenden Gattung der politischen Kabarettisten gehört, wagt es ’ in seinem neuen Programm „ach ja“, mit dem er am Freitagabend in der Reihe Kabarettissimo im Mußbacher Herrenhof gastierte, auch in der heutigen Zeit für Meinungsfreiheit einzutreten. 

Von Annegret Ries

 
In „ach ja“ geht es aber nicht nur um aktuelle Politik, es ist auch ein kleiner Rückblick auf die vergangenen 25 Jahre – so lange ist Butzko politischer Kabarettist.

Der SPD-Politiker Rudolf Scharping, der mit seiner einschläfernden Stimme und der nie bewiesenen Behauptung, im Sportstadion von Pristina sei ein Konzentrationslager, deutsche Soldaten erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Krieg schickte, taucht in „ach ja“ ebenso wieder auf, wie manches inzwischen vergessene Aufregerthema.

Etwa das Dosenpfand, mit dem der Grüne Jürgen Trittin das Klima retten wollte oder die 100.000 Mark-Spende an die CDU, die Wolfgang Schäuble vergessen hat, was die CDU nicht daran hinderte den Vergesslichen später zum Finanzminister zu machen.

All das präsentiert Butzko so, als würde er an der Theke einer Kneipe sitzen und dabei politisieren. Was dadurch betont wird, dass Butzko auf der Bühne an einem Bartisch steht, gelegentlich mal auf einem Kneipenhocker sitzt, immer mal wieder einen Schluck aus einem Bierhumpen nimmt und als gebürtiger Gelsenkirchener in einem gemäßigten Ruhrpott-Slang über die Politik der vergangenen 25 Jahre räsoniert.

Dabei verbindet Butzko äußert gelungen kritische Aussagen mit Ironie, Satire, Spott und einer Portion Humor. Gelegentlich lockert Butzko seinen Rückblick mit einem eher einfachen Wortwitz auf, was er immer mit den Worten, dafür müsse er „in der Wortwitz-Hölle schmoren“ relativiert. Zur Auflockerung tragen auch zwei „runing gags“ bei: Den Satz „bevor ich anfange, ganz kurz noch“, sagt Butzko so oft sagt, das man irgendwann nicht mehr weiß, ob er lustig ist oder nervt. Ebenso ist es mit seinen nicht ernst gemeinten Hinweisen, dass er erster Preisträger bei Parodien auf fast alle deutschen Politiker sei.

Vor allem Politiker sind die Zielscheibe von Butzko, aber auch Journalisten bekommen durchaus zu Recht etwas ab. Seien es die Hauptstadt-Journalisten, die in Pressekonferenzen kritische Fragen Kollegen aus anderen Ländern überlassen. Oder „Kulturkritiker“, die in der Pause, ohne anzuklopfen, in die Garderobe von Butzko kommen und sagen „ich geh’ jetzt, was passiert denn im zweiten Teil noch so“.

Eindeutig ist das Resümee von Butzko zu 25 Jahren deutsche Politik: Alle haben nach der Maxime „wenn es ernst wird, muss man lügen“ des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker gehandelt. Immer wenn es brenzlig wurde, wurde vernebelt, versichert, verarscht oder so ähnlich.

Vorsichtig tastet sich Butzko vom Rückblick an die aktuelle Politik heran, die nicht mehr von „Mutti Angela Merkel, sondern von Opi Olaf Scholz“ geprägt sei. Und selbst ein erfahrener und mit Widerstand vertrauter politischer Kabarettist wie er, wird da vorsichtig, warnt mit dem Satz „ich weiß, großer Fettnapf“, dass es jetzt heikel wird, betont, dass er als eine Art Anwalt auch andere Meinungen zu Wort kommen lassen wolle und dass er schon immer ein „Freund von differenzierter Kritik“ sei. Was inzwischen dazu führe, dass er sich wie eine Art Leberkäse fühle, der werde von beiden Seiten von einer Brötchenhälfte bedrängt, er von beiden Seiten von Kritik. Mit Sätzen, wie „die Angst vor dem Virus ist Verpflichtung, die Angst vor dem Impfstoff ist verpönt“, Hinweisen auf Auswirkungen der Restriktionen der Pandemie, wie etwa „eine Welle von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen“, Forderungen, die Pandemie-Politik zu analysieren macht man sich wirklich nicht beliebt. Ebenso nicht mit Erläuterungen dazu, dass der allgemein beliebte ukrainische Präsident vor dem Ukraine-Krieg auf dem besten Weg war das Land in eine Diktatur der Oligarchen zu verwandeln und als extrem korrupt galt. In seinem Bemühen kritisch zu sein, vergisst Butzko manchmal Humor, Ironie und Satire. Doch gerade noch rechtzeitig kriegt er immer wieder die Kurve.

Auch beim Auftritt von Butzko im Herrenhof zeigten sich die Auswirkungen der Pandemie-Politik: Wie bei fast allen Kulturveranstaltungen blieben zahlreiche Stühle leer, frühere Gastspiele von Butzko waren meist ausverkauft. Doch die Anwesenden waren begeistert von dem Rückblick und dem Blick auf die aktuelle Politik. 

Quelle

AusgabeDie Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 224
DatumMontag, den 26. September 2022
Seite22