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Meisterhafter Minimalist


Rheinpfalz, Kultur Regional

„Kabarettissimo“ im Herrenhof mit Mathias Tretter in diversen Rollen

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Von Inge Kirsch

Neustadt-Mussbach. Schon nach den ersten Sätzen entstand ein Kontakt zwischen Mathias Tretter und dem Publikum im ausverkauften Saal des Herrenhofs. Das blieb so während des ganzen Abends. Stets gab es schnelle Reaktionen und zum Schluss anhaltenden Beifall für den Kabarettisten und lebhafte Gespräche zwischen den Besuchern.

Worum ging es? Wie bei Kabarettisten üblich, um die absurden Zustände dieser Welt. Da kommt keiner um Themen wie Trump, AfD, Digitalisierung oder künstliche Intelligenz herum. Und Tretter nicht mal um Sarrazin oder Helene Fischer.Das kennt man schon, da kommt es an auf das Wie. Und da ist Tretter ein Meister seines Fachs. Er ist einmal die Person, die mit dem Publikum spricht, andererseits seine Frau, sein Freund Ansgar oder sein siebenjähriger Sohn. Es entwickeln sich Dialoge zwischen ihm und diesen Personen, die er mit leicht veränderter Stimme oder Dialektfärbung darstellt. Dazu braucht er nur einen Stuhl, auf dem er mit der Lehne nach vorne sitzt und – je nachdem, wer spricht – den Kopf dreht. Das ist sehr gekonnter Minimalismus auf der Bühne. 

Zweites Requisit ist ein Stehtisch, an dem er Reden hält, als Ansgar oder als seine eigene Bühnenfigur. Ansgar will eine Partei gründen, die als atheistische Partei rechts von der AfD, aber gleichzeitig links von den Grünen sein soll. Die Tischkante umklammert er, während er eine Rede beim Gründungsparteitag hält, in wichtigtuerischer Körperhaltung. Tretter ist ein guter Schauspieler. Auch Angela Merkel hat einen kurzen Auftritt, unvermeidlich mit Raute und Mundwinkeln. Frappierend ist aber vor allem seine Sprache. Sehr schnell, sehr originell. Man muss genau zuhören. Das Publikum ist aufmerksam, er kann die Zuhörer die ganze Zeit interessieren und amüsieren.

Sein Freund Ansgar ist Doktor der Philosophie, hat eine Anstellung an der Universität, allerdings als Hausmeister. So bringt Tretter als weitere Themen die problematische Anstellungssituation an deutschen Unis und die Absurdität hochtrabend klingender englischer Ausdrücke. Ansgar ist natürlich nicht Hausmeister, sondern teils Caretaker, teils Facility Manager. Das verschwurbelte Marketing-Gerede, wie er seine Aufgabe beschreibt, die Putzfrauen zu organisieren, kann man nur staunend zur Kenntnis nehmen, aber kaum zitieren.

Lieblingsbeschäftigung von Ansgar und Mathias ist „Windowing“, wobei sie sich dem „Chilling“ hingeben: im Fenster liegen und beobachten, was auf der Straße passiert. Gegenüber ist ein „Späti“, an dem die „Sprittis“ sitzen, stehen oder liegen. Mit wenigen Gesten beschwört Tretter die früheren Gewohnheiten von Rentnern herauf, die stundenlang auf ein Sofakissen gestützt die Nachbarschaft noch analog im Blick hatten. 

Kann man überhaupt noch etwas erzählen, ohne mit den Anforderungen der politischen Korrektheit ins Gehege zu kommen? Da hat er ein einfaches Rezept: Macht es wie die Schwulen! Diese Bezeichnung, früher eine Beleidigung, wurde durch häufigen Gebrauch respektabel gemacht. Darauf folgt eine Suada voller Zigeunerschnitzel und Negerküsse, für die man von der Sprachpolizei sofort verhaftet würde. Auch die tollsten Verschwörungstheorien kann er als Ansgar in Windeseile formulieren. Alle kriegen ihr Fett weg, auch die, die alles, aber bloß keine Spießer sein wollen, die „toleranten Elektromobilitäts-Inklusions-Windkraftveganer“

Mit der Mundtrompete der vollendeten Verzweiflung


Rheinpfalz, Kultur Regional

Kabarettist Lennart Schilgen spürt im Herrenhof den Untiefen des Lebens nach – Subtiler Humor und skurrile Gedichte

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Von Oliver Steinke

Neustadt-Mussbach. „Engelszungenbrecher“ heißt das Programm des 30-jährigen Berliner Kabarettisten Lennart Schilgen, der am Samstagabend in der Reihe „Kabarettissimo“, der Kleinkunstbühne des Herrenhofes, seine mit subtilem Humor gewürzten Lieder und skurrilen Gedichte präsentierte.

Gut gelaunt und locker begann Schilgen, der im vergangenen Jahr für diesen Auftritt den bekannten „Stuttgarter Besen“-Preis gewann, und ließ sich auch nicht davon entmutigen, dass er an diesem Abend wohl nur einen Teil der etwa 170 Gäste erreichte.Doch der Reihe nach: Seit dem letzten Besuch in Neustadt im Hambacher „Theater in der Kurve“ vor genau drei Jahren kann Schilgen, der Deutsch und Französisch studiert hat und bereits seit der Kindheit Gitarre spielt, auf viele erfolgreiche Auftritte zurückblicken. So gewann er außer in Stuttgart auch noch den Bielefelder Kabarettpreis 2016 oder punktete emsig in der „Kabarettbundesliga“. Tatsächlich lebt er heute von seiner Kunst, tourt pro Jahr durch bis zu 90 äußerst unterschiedliche Orte, von der Szenekneipe bis hin zu Konzertsälen. Seine Protestsongs handeln weniger davon, die Welt zu retten, sondern eher wie im „Liegenblieben Blues“ davon, morgens nicht aufstehen zu wollen. Er überrascht dabei oft mit unerwarteten Assoziationen, etwa „Ich habe heute so viel vor … mir hergeschoben.“

Schilgen sucht und findet Witz, auch in eigentlich eher tragischen Momenten der Liebe, etwa wenn er in „Marta“ einen jungen Mann singen lässt, der Angst hat, seine Freundin durch ein Auslandssemester zu verlieren: „Anstatt um die halbe Welt zu fliegen, könntest du mit mir auf der Couch rumliegen, meinst du nicht, dass man gleich nebenan, eben soviel erleben kann?“. Ein Richard Wagner inspiriert ihn nicht zu Großem, sondern nur zu einem „Handyvernichtungsmotiv“. Seine eingängigen Lieder wechselt er mit Gedichten ab, über einen herumhopsenden Mops etwa oder über ein Kraut rauchendes Pferd. Sie sind weniger wegen der etwas kryptischen Pointen lustig, sondern wegen des dabei versprühten Charmes und des Schalks, den Lennart schon mit der Muttermilch aufgesogen zu haben scheint. 

Auch ein Bezug auf die „Engel“ in „Engelzungenbrecher“ fehlte nicht. So erinnerte eine Kurzgeschichte entfernt an den Dialog Mohammeds mit dem Engel Gabriel. Schilgens Version benötigte die Hilfe der zwölfjährigen Sarah aus dem Publikum, die die Sprechrolle des interaktiven Geistwesens übernahm. Allerdings ging es hier nicht um ein heiliges Buch, sondern, viel bescheidener, forderte die Stimme den Künstler lediglich auf: „Schreib ein Gedicht!“.

In „Was mir fehlt“ plädiert Schilgen dafür, weniger auf Erfolg und Reichtum zu achten, sondern auf das, was wirklich zählt, die Liebe natürlich. Dumm nur, wenn man dann das Kaugummipapier nicht mehr finden kann, auf das man die Telefonnummer der Angebeteten geschrieben hat. Da hilft dann nur noch die dazugehörende jammernde „Mundtrompete der vollendeten Verzweiflung“.

Auch musikalisch ist das alles richtig gut. Hätte Schilgen etwas weniger Schalk im Nacken und würde etwas weniger Selbstironie verwenden, so könnte er nicht nur in die Kabarettbundesliga, sondern in die Liga der erfolgreichsten deutschen Liedermacher einsteigen. 

Doch große Botschaften und Gefühle meidet er, hinterfragt sich lieber regelmäßig, auch auf der Bühne. Diese Doppelbödigkeit kam an diesem Abend nicht bei allen gut an. So wollten nur wenige den Refrain von Schilgens „WM-Hymne“ mitsingen – geschrieben, wie er sagt, „in einer Zeit ohne WM, um ein Alleinstellungsmerkmal zu haben“, in der sich der Künstler über die Verschmelzung in einem diffusen „Wir-sind-alle-eins“-Nationalgefühl lustig machte. 

Der rote Faden des Programms sind denn auch eigentlich weniger Liebeslieder und Protestsongs, sondern das Plädoyer dafür, das Lustige auch in scheinbar so wichtigen und schwierigen Augenblicken zu erkennen und etwas gelassener mit unseren oft zu hohen Ansprüchen umzugehen. Denn oft ist es ja so, wie er singt: „Du bist nicht der Jäger, Du bist das Reh.“

Beppi und die armen Frauen

Rheinpfalz, Kultur Regional

Kabarettist Helmut Schleich mit seinem Programm „Kauf du Sau“ im Herrenhof

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Von Andrea Dölle

Neustadt-Mussbach. „Kauf du Sau“ – der Titel des neuen Kabarettprogramms, das Helmut Schleich am Samstag im Herrenhof Mußbach vorstellte, ist sicher kein Muster für Eleganz. Aber der Münchner, berühmt für seine exakten „Wiederbelebungen“ von Franz Josef Strauß Jahrzehnte nach dessen Tod nicht nur beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg, hat keine Angst vor einer deftigen Sprache.

„Ein kabarettistisches Meisterstück über die Macht von und die Manipulation durch Marketing“, lautet der Untertitel. Die Besucher ahnen es schon: Das kann ja heiter werden. Und das wird es auch. Schlag auf Schlag folgen Feststellungen, kleine Erzählungen und Pointen, werden mit flinker Zunge vorgetragen. Dazwischen platziert Philipp Weber, eingeleitet mit „Ach, das muss ich euch noch erzählen“, kleine Geschichten. Wahr sind sie, wie er beteuert, oder aber auch nicht, wie der Zuschauer manchmal denkt. Zum Lachen sind sie immer. Die Beeinflussung des Menschen durch geschicktes Marketing, sei es von Firmen, Freunden, Partnerinnen oder in der Politik steht im Mittelpunkt. Wie ein roter Faden zieht sich die Frage durchs Programm, ob sich ein kritischer Kabarettist wie Weber, der mit seinem Programm gleichzeitig als „Verbraucherschützer“ agiert, vermarkten lassen soll. Welche Argumente ziehen bei ihm? Und was bewirkt das?Doch der Weg durch die Welt der Manipulationen ist kein gerader. Immer wieder schweift Weber ab, hüpft gedanklich mal hierhin, mal dahin, wie ein Kind, das rechts und links vom Weg ständig Neues entdeckt, es untersuchen und mitteilen muss. Weber fordert die ganze Aufmerksamkeit der Besucher, denn er will sie mit seiner Ein-Mann-Schau nicht nur zum Lachen bringen, er will ihnen auch eine Lektion erteilen, wie geschicktes Marketing die Sinne des Verbrauchers vernebeln kann. „Manipulation ist unterbewusster psychischer Zwang. Nicht bloß Beschiss.“

Und auch nicht vor Geschwindigkeit. In der Schnellsprech-Parforcejagd von zweieinhalb Stunden muss der Zuschauer aufpassen, dass er hinter den sprachlich kräftigen Pointen nicht die feiner gezeichnete Satire verpasst. Dabei macht Schleich nur selten von seiner erstaunlichen Fähigkeit Gebrauch, Menschen bis zum Verwechseln zu parodieren. Erst am Ende gibt er dem „Strauß in sich“ Raum, und als „Zuckerl“ noch zwei anderen berühmten Bayern.Zunächst jedoch kommt er auf die Gefahren der Political Correctness respektive Incorrectness zu sprechen, im Stil eines Kreuzworträtsels. Völlig inkorrekter Songtext der „Beatles“? „Hey Jude“. Säurekristall, auch frühere Hollywoodgröße? Weinstein. Salz der Kohlensäure, gesteigert? Soda, in der Steigerung Söder. Hochsubventionierte Schwerkriminelle? Autoindustrie. Und schon ist er beim Dieselskandal: „Erst kauf ich einen Diesel, dann sagt man mir beim Autohersteller, den darf ich in Kürze nicht mehr fahren, aber ich kann einen Neuen erwerben. Dann entspricht auch der nicht mehr den Richtlinien, aber die Autoindustrie weiß Rat: wieder ein Neuer. So geht das: Fahre einen, zahl drei. Das ist der Pragmatismus der Autoindustrie, der der Steuerzahler mit 115 Milliarden Euro geholfen hat.“

Aber es geht noch besser: „Stuttgart 21: Ein Kamel baut ein Nadelöhr“. Wenn man auf die Amerikaner herabsehe, deren Waffenlobby strengere Gesetze verhindere, obwohl die laut Umfragen 82 Prozent der Bürger haben wollen, brauche man nur auf den deutschen Umgang mit dem Tempolimit zu sehen – und es gebe doch schon seit Jahrzehnten Forschungsansätze zu Alternativen: Städte ohne „Straßenbegleitblech“ seien vorstellbar. Aber in München sei immer wieder zu sehen, „wie Leute mit dem SUV zu Dallmayr fahren, um ein kleines Glas kandierte Langustenhoden zu kaufen, und sich empören, weil sie auf dem Marienplatz nicht parken können“. Und er überträgt versuchsweise Trumps Waffenvorstellungen – Bewaffnete in Schulen etwa – auf Deutschland: „Ist der Klassensprecher bewaffnet, gibt das seinen Argumenten gegenüber dem Lehrer doch gleich mehr Durchsetzungskraft – oder dem Hausmeister beim Brötchenverkauf in der Pause – ein Schuss in die Decke macht doch mehr her als ein Ruf: Ruhe bitte!“

Einen Rundumschlag bietet die zweite Hälfte: von den „Gutmenschen“, die immer alles richtig machen, besonders das Gendersternchen, über die „Erziehung unserer Kinder zu Arschlöchern“ bis zur Veränderung unserer Sprache durch Anglizismen. „Dabei ist die bayerische Sprache die einzige, die eine vierfache Verneinung kennt, etwa: „Na, keine Windpocken hab’ ich noch nie nich g’habt“. Gegen Ende kommt er aber doch noch, der ersehnte Franz Josef Strauß, und als Zugabe auch noch Schorschi und Beppi Ratzinger im Gespräch in den vatikanischen Gärten. Beppi hört nicht mehr gut, etwa Skihütten statt Schiiten, und er sieht viel fern in der Nacht: Den armen Frauen dort, die nichts zum Anziehen haben, hat er schon viel gespendet …