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„Es lockt das Weib, doch bockt der Leib“

Rheinpfalz, Kultur Regional

Kabarettist Peter Vollmer will bei „Kabarettissimo“ im Herrenhof den Mann retten – natürlich vergeblich

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Von Anke Wanger

Neustadt-Mussbach. Der Kabarettist Peter Vollmer war am Samstagabend in den Mußbacher Herrenhof gekommen, um nicht weniger als die Gattung Mann zu retten. Wovor? In erster Linie wohl vor sich selbst, wie Vollmer in seinem Programm „Er hat die Hosen an – sie sagt ihm welche“ dem Publikum vorführte.

Denn viele der geschilderten Widrigkeiten eines heutigen männlichen Durchschnittslebens basierten auf eigenen „Verhaltensfehlern“ wie Bequemlichkeit, mangelndem Selbstbewusstsein, zu hoher „Toleranz für Missverständnisse“, aber auch Auswirkungen „genetischer Schwächen“, an denen „Mann“ nichts ändern kann, höchstens die nervende Frau wechseln. Für Vollmer selbst gab es dafür am Ende wohlwollenden Applaus, aber keine Begeisterungsstürme.Der Mann mit sich allein, in der Gesellschaft, in der Partnerschaft, in der Midlife-Crisis – wo gehört er hin, so zwischen Brunft und Vernunft, zwischen Rennrad und Rollator? „Es lockt das Weib, doch bockt der Leib“, bringt Vollmer es auf den Punkt und glaubt Zustimmung bei den Älteren im Saal zu spüren. Der Mann werde nicht nur immer überflüssiger gemacht, ihm fehle Anerkennung, und es würden würdelose Witze über ihn gerissen. Beim Kinderzeugen und Einparken seien Männer mittlerweile entbehrlich. Eine Straße voller Männer werde respektlos Sackgasse genannt und behauptet, der Unterschied zwischen einem Mann und Joghurt bestehe in der Kultur – der des Joghurts.Vollmer erntet erste Lacher, und auch seine „Medleys“ aus angespielten alten Schlagern und Volksliedern auf der Gitarre, verbunden mit oft gelungen frechen Neuvertextungen zu kritischen Lebenssituationen im Männerleben, kommen gut an. Da klappert die Herzklappe am rauschenden Bach, da wollte er niemals auseinander gehen (körperlich), und „wenn sie geht, dann geht nur ein Teil von ihr, aber die Fernbedienung, die bleibt hier“. Doch zahlreiche Gemeinplätze, die mal mehr, mal weniger witzig sind, Schilderungen eigener Betroffenheiten oder Beobachtungen, wie etwa die unästhetisch nordic- walkenden „Krampfaderngeschwader“ oder der Veganer- und Vegetarier-Terror, sind nicht kabarettistisch. Vollmer zeigt sich wesentlich mehr als Comedian, allenfalls als „Comettist“, so man eine Begrifflichkeit für den immer häufiger bei Kabarettisten anzutreffenden Programmmix ohne tiefgründigeren Politgripp finden wollte. Daran ändert auch Vollmers kurzer Politikschwenk nichts, wo sich Joachim Sauer stellvertretend für von dominanten Frauen gebeutelte Männer abends mit seiner Frau, der Kanzlerin, unterhält und „manchmal auch selbst etwas sagen darf“.

Die Geschichte von Gott, der Bush, Obama und Trump fragt, woran sie glauben, entpuppt sich als Witz mit ziemlichem Bart. Denn nach den Antworten „an die Nation“ und „an die Demokratie“ der ersten beiden antwortet Trump: „Ich glaube, du sitzt auf meinem Stuhl!“ Nicht ganz neu ist auch Vollmers Jackenkauf für die Gelsenkirchener Wildnis, wo er letztlich von einem „kompetenten“ Navajo-Indianer eine Funktionsjacke der Extraklasse aufgeschwätzt bekommt, bei der Sturmwarnungselektronik, ein bei Salzwasserkontakt automatisch öffnendes Gummiboot und ein abknöpfbarer Lawinenhund inklusive sind. Mehrfach beackert Vollmer das Feld Kleidung. Eine neue Laufhose in M kann er nicht kaufen, da er nicht über Windblocker und Feuchtigkeitsmanagement reden möchte. Aber kein Problem, hat er doch in seinem Kleiderschrank genug Klamotten und kann einfach nicht verstehen, dass Frauen nichts zum Anziehen finden.

Dafür versteht er Männer, die ihre alten Jogginghosen lieben, auch wenn sie aus Frauensicht einfach nur noch in den Müll gehörten. Vollmer stichelt, wenn er die Frau seiner Erzählung mit dem Besen in der Hand fragt, ob sie noch sauber machen oder doch eher wegfliegen will, wird dann aber schnell wieder handzahm und bemüht sich um ein Candle-Light-Dinner mit dem Thermomix. Das hätte vielleicht etwas werden können, wenn er nicht „in Hirnfinsternis“ die Zutaten für alle Gänge gleichzeitig verarbeitet hätte. Eigentlich aber sehnt er sich nach kochlosen Zeiten, wo Männer noch ganze Kerle waren.

Tolle Leistung, schwierige Akustik

Rheinpfalz, Kultur Regional

Dirik Schilgen und seine Formation „JG4“ eröffnen die neue Reihe „Jazz im gotischen Chor“ in Mußbach

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Von Annegret Ries

Neustadt-Mussbach. Passt Jazz in einen mittelalterlichen Kirchenraum? Wie sieht es mit Atmosphäre und Akustik aus? Und finden sich für so ein Angebot in der Region überhaupt Zuhörer? Das waren nur einige der Fragen, die sich am Samstag vor dem Start der neuen Reihe „Jazz im gotischen Chor“ mit dem Schlagzeuger Dirik Schilgen und seiner Gruppe „JG4“ in der Johanneskirche in Mußbach stellten. Die Antwort ist nicht ganz einfach.

„Die Akustik ist hochgotisch“, brachte ein Besucher das größte Problem auf den Punkt. Tatsächlich sind die Klangverhältnisse, wie sich schnell zeigte, in dem sehr hohen und relativ kleinen, da vom Hauptschiff durch eine Mauer abgetrennten Chorraum für musikalische Darbietungen eher suboptimal. Es hallt extrem, Töne werden verschluckt, worunter vor allem der Klang des Schlagzeugs zu leiden hatte. Doch auch das Klangbild der anderen Instrumente wurde immer wieder durch die Akustik beeinträchtigt – ebenso wie die Ansagen des Bandleaders, die für die rund 70 Zuhörer oftmals leider völlig unverständlich blieben. Trotzdem boten Schilgen und seine Mitmusiker Thomas Langer (Gitarre), Friedrich Beetz (Bass) und Garry Fuhrmann (Saxophon), die an diesem Abend zum allerersten Mal in dieser Besetzung spielten, ein angesichts der ungünstigen Bedingungen bemerkenswert gutes Konzert.Schilgens Kompositionen sind stark von brasilianischen Musiktraditionen geprägt, die weit mehr zu bieten haben als nur den allseits bekannten Samba. Doch auch der klang bisweilen durch, etwa bei dem Stück „Mangue Seco“, einer Komposition von Schilgens letzter CD „On the move“, die im leichten Samba-Rhythmus entspannt durch den Raum schwebte.

Auch im weiteren lag der Schwerpunkt bei leichter, entspannter, sanft dahinperlender Musik. Es war Musik zum Entspannen, bei der man gerne auch mal die komplexen Muster der hohen Fenster des gotischen Chores oder die Wandmalereien auf sich wirken ließ. Doch ist diese Musik deshalb keineswegs anspruchslos, denn hinter dem „Easy Listening“ verbergen sich durchaus komplexe Klangbilder, so bei „Beauty“, das mit hohen, leicht disharmonischen Tonfolgen von Garry Fuhrmann am Tenorsaxophon beginnt, um dann immer swingender und harmonischer zu werden.Immer wieder prägte Fuhrmann durch Improvisationen das Konzert. Etwa bei dem sehr rhythmusbetonten Titel „Take a way“, bei dem das treibende Schlagzeug von Schilgen mit den Klängen Fuhrmanns am Tenorsaxophon korrespondierte, während dieser bei dem leicht groovenden Stück „From north“ mit dem Sopransaxophon Akzente setzte, die Friedrich Beetz dann mit dem Bass aufnahm. Dies war nicht nur akustisch interessant, sondern auch optisch, denn der eher klein gewachsene Bassist ist sicher 20 Zentimeter kleiner, als das Instrument, das er mit viel Können und Einsatz spielt. Bandleader Schilgen wiederum tat sich unter anderem mit dem Stück „Dark winter blues“ hervor, in dem er mit seinem Schlagzeug einen schweren, satten Klangteppich ausrollt. Auch sonst waren viele der Stücke geprägt durch sehr dichte, starke Melodien, an deren Entwicklung auch Gitarrist Thomas Langer großen Anteil hatte.

Schon nach den einzelnen Stücken hatten die Zuschauer begeistert applaudiert. Dementsprechend intensiv war der Beifall am Schluss des Konzerts, das Dirik Schilgen und „JG 4“ dann auch noch durch eine Zugabe verlängerte. Das nächste Konzert der vom „Kabarettissimo“-Team der Fördergemeinschaft Herrenhof verantworteten Reihe bestreitet am 2. Juni Jazzsängerin Nicole Metzger – die hat von ihren Weihnachtskonzerten in der Neustadter Stiftskirche immerhin schon Erfahrung mit akustisch schwierigen Kirchenräumen.