Von Christian Berger
Während Comedy boomt, haben es Kabarettisten vergleichsweise schwer ein Publikum für sich zu gewinnen. Die Kleinkunstbühne Kabarettissimo im Mußbacher Herrenhof gehört zu den Refugien für Künstler, die sich dieser anspruchsvollen Kunstform verschrieben haben. Zahlreiche namhafte Kabarettisten haben dort bereits gastiert. Am Samstag hat sich eine weitere renommierte Vertreterin ihres Fachs in die Liste der Kabarettissimo-Künstler eingetragen.
Lucy van Kuhl ist bereits seit elf Jahren als Solo-Künstlerin im exotischen Genre Musikkabarett unterwegs und hat vier Studioalben in dieser Zeit eingespielt. Zu mehreren Preisen wie dem Scharfrichterbeil 2019 und der Stuttgarter Besen (2021) kommen etliche Fernsehauftritte hinzu. Außerdem tourt die gebürtige Kölnerin mit ihren Programmen fleißig durch die Republik – und hat am Samstag nun erstmals im Kabarettissimo Station gemacht.
Mit ihrem Song „Da fang ich doch erst gar nicht damit an“ schlägt Lucy van Kuhl gleich zum Auftakt den richtigen Ton für ihren Auftritt in Mußbach an: Ironisch setzt sich die Liedermacherin darin mit Erwartungshaltungen auseinander – zum Beispiel Sport zu treiben, um schlank zu sein, die Lektüre von klassischer Literatur, um als gebildet zu gelten, oder Pflegeprodukte zu verwenden, um jung auszusehen. Das Stück ist zugleich der Opener ihres Albums „Auf den zweiten Blick“ (2022). Und so lautet auch der Titel ihres Programms, mit dem sie im Kabarettissimo gastiert.
Bevor Lucy van Kuhl (bürgerlich Corinna Fuhrmann) die zweite Nummer des Abends, „Haus in der Provence“, beginnt, erklärt sie den Besuchern, weshalb ihr „der zweite Blick“ so wichtig ist. Der erste Blick auf eine Person oder einen Gegenstand sei intuitiv und könne täuschen. Um „hinter die Fassade zu schauen“, brauche es hingegen mehr Zeit als typischerweise die drei Sekunden, die für den ersten Eindruck ausreichten. Das gelte auch in Bezug auf ihr Traumhaus in Südfrankreich.
„Ich hab’ ein Haus in der Provence, das ist so schön, doch langsam fang ich an, hier durchzudrehn“, heißt es in der Mitte des Stücks „Haus in der Provence“. Es sind die zahlreichen (Möchtegern)Freunde, die sie in den Wahnsinn zu treiben drohen mit dem Ausräuchern des Hauses und dem Vergiften ihres Katers.
Doch Lucy van Kuhl kann auch Liebeslieder. Nicht kitschig allerdings, sondern unkonventionell. In „Ich will dich“ besingt die Wahl-Berlinerin die Sehnsucht nach mehr Distanz in einer engen Beziehung: „Ich will dich, ich will dich, ich will dich mal wieder vermissen. Ich will spüren, dass du mir fehlst.“
Trends nachzulaufen ist nicht die Sache der Künstlerin, was sie unter anderem mit „Detox“ vertont hat. Darin beschreibt Lucy van Kuhl den Versuch, Körper und Geist mit einer speziellen Diät zu entgiften. Von wegen Wasser pur und Smoothies bis zum Abwinken. Das Resultat ist ein Heißhunger auf Kuchen, besonders Bienenstich, und der hartnäckige Gedanke an eine Botox-Behandlung, um die durch den Gewichtsverlust entstandenen Falten im Gesicht zu glätten.
„Jung, jung, jung“ ist die letzte Nummer vor der Pause. Für diesen Song hat sich die Sängerin vom Roman „Die Frau, die nicht alterte“ von Grégoire Delacourt inspirieren lassen. Der Traum von Tina, immer so auszusehen wie mit 30 Jahren, entpuppt sich als Albtraum. Denn nicht zuletzt ihr Mann und ihr Sohn haben zunehmend Probleme damit, dass sie selbst Spuren des Älterwerdens zeigen, während ihre Frau und Mutter ewig jung zu bleiben scheint. Die Verzweiflung von Tina wächst und sie will sich schon vergiften, als sie aus ihrem (Alb)Traum erwacht.
Die Besucher im Herrenhof feiern den Auftritt von Lucy van Kuhl vor und auch nach der Pause mit viel Applaus und vereinzelten Jubelrufen. Ohne zwei Zugaben, „Dafür hab ich auch bezahlt“ (vom Album „Dazwischen“, 2019), und „Deutsche Bahn (Der Weg ist das Ziel)“ (Album „Geschickt verpackt“, 2025) lassen sie die Musikkabarettistin nicht ziehen. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ kündigt die Künstlerin das Erscheinen einer Single für die nächsten Wochen und eines Albums im nächsten Jahr an. Und für Live-Auftritte habe sie schon Buchungen bis ins Jahr 2029 hinein.
INFO
Lucy van Kuhl informiert im Netz über ihre Konzerttermine und (Neu)Erscheinungen unter lucy-van-kuhl.de.
Quelle
| Ausgabe | Die Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 85 |
| Datum | Montag, den 13. April 2026 |
| Seite | 17 |
Von Regina Wilhelm
„Können Sie mich hören, verstehen?“ Aus dem Publikum, das den Saal bis zum letzten Platz füllt, erschallt auf Hofmeirs Frage ein „Ja“. „Danke für den sparsamen Applaus.“ Na, das fängt gut an. Der Bayer fackelt nicht lange. Das Programm „Kein Aufwand – Teil zwei“ impliziere, dass es einen ersten Teil gegeben habe. Beide bauten aufeinander auf, und wer den ersten versäumt habe, werde es schwer haben mitzukommen, warnt er. Stimmt nicht ganz.
Auch wenn es dem Tubisten nicht anzusehen ist – er kann sich offensichtlich nicht einmal Schuhe leisten – ist ihm Geld nicht unwichtig. So hält er fest, dass er und der Geiger das gleiche Honorar für Dvoraks neunte Sinfonie bekommen – trotz unterschiedlicher Leistung: Er spielt sieben Töne, der andere 20.000. Ungerecht. Erklärend schiebt er nach, dass Dvorak die Tuba aus reiner Not noch schnell in sein Werk eingearbeitet habe. Damit der Musiker während des Konzerts in der Carnegie Hall gefordert ist, und keine Zeit hat, Dvoraks Gattin im Hotel zu bespaßen.
Die Tuba sei das jüngste und hochentwickelste Instrument, hebt Hofmeir hervor. Sie wurde erst 1835 erfunden – „vorher war das eine Geschichte der verpassten Möglichkeiten“. Mozart, Vivaldi – keine Tuba. Mit seinem Kompagnon intoniert er Vivaldis Vier Jahreszeiten. Ungewöhnlich, aber sehr gefällig.
Nicht nur Musik gibt es auf die Ohren, auch Auszüge aus Hofmeirs Autobiografie sind zu hören. Die komme tragisch bis depressiv daher, aber entspreche zu 100 Prozent der Wahrheit, kündigt der Tubist an. Er nimmt das Büchlein „Kein Aufwand“ zur Hand und erzählt: Als junger Mann musste er seinen „Dienst am Vaterland“ verrichten. Zu seinem Glück sind beim Musikkorps Tubisten gefragt. „Die sitzen, anders als Geigen oder S-Klarinetten, nicht Aug’ in Aug’ mit dem Dirigenten.“ Gut so. Dank seiner freundlichen, einfühlsamen Art wählten ihn die Kameraden zum Vertrauensmann. „Fünf Mal am Tag wurde ich beim Kompaniechef vorstellig, um Beschwerden vorzutragen.“ Aber was half’s.
Die Kritik der norddeutschen Kollegen, die nicht zweimal in der Woche Leberkäse essen wollten, führte dazu, dass es am Ende jeden Tag Leberkäse gab. Unter Major Kahle, „der die Show liebte“, machte Hofmeir beim Heeresmusikkorps Regensburg Karriere: Er spielte „Macarena für vier Tubisten“. Die Oberpfälzer seien begeistert gewesen.
Zeit für Musik: ein brasilianisches Liebeslied, weitere folgen. Die Bühne taucht in Rotlicht. Hofmeir: „Das haben wir nicht bestellt.“ Aber es passt zu der empfindsamen Melodie.
Zum Studieren zog es Hofmeir nach Berlin. Dort geriet er „in die Fänge einer unglücklichen Clique“. Zu dieser gehörten außer ihm Pianist Uschi, „heute Notar“, und Posaunist Sebastian. Das Trio unternahm – mit Erfolg – einen Weltrekordversuch im Pausemachen. Herrlich komisch die Abenteuer während seines Studienaufenthalts in Stockholm: seine Helikopter-Zimmerwirtin, seine Fahrt mit der Fähre nach Helsinki oder sein Auftritt in einer finnischen Sauna, wo er unbekleidet die Tuba blies oder der Tuba-Weitwurf.
Zurück zur Musik: ein Liebeslied, das vom Paradies handelt. „Was ist das Paradies?“, fragt der Künstler. „Der größtmögliche Glückszustand. Und dieser wird erreicht, wenn man sich mit seinem Schicksal abfindet.“ Das sollten all diejenigen tun, die nicht ganz freiwillig im Herrenhof sitzen, die jetzt lieber auf dem Mandelblütenfest wären. „Wenn sie bis zum bitteren Ende hierbleiben, sind Sie dem Paradies ganz nah“, so Hofmeir. Gefordert ist das Publikum. Es soll auf sein Handzeichen „basst scho“ sagen. Funktioniert.
Ein Ausflug in die Zeit seiner Mitgliedschaft bei „La Brass Banda“ darf nicht fehlen. Warum er dieses Orchester verließ? Zu viel Aufwand. Er mag es weniger stressig. Das folgende Stück bläst er auf der Trompete, die er als typisch deutsch beschreibt. Später wird Hofmeir noch eine Darbietung auf der Posaune geben.
Mit seiner zweiten Tuba will er ähnlich wie der Fußballspieler, der in der Pause die Schuhe wechselt, um schneller laufen zu können, eine Verbesserung erzielen. Doch der Musikprofessor spielt zumindest nach Eindruck des Laien beide perfekt.
Nächste Station: Musikhochschule Hannover. Mit acht Leuten besuchte er die Klasse in der Stadt, „in der niemand wohnen will“. Wunderbar trocken erzählt er die Erfahrungen mit seinem italienischen und japanischen Kommilitonen. Nicht weniger lustig das Abendessen, zu dem ihn die Russin einlud, die nach ihm das Zimmer in Stockholm mietete. Zum Schießen seine Zugfahrt mit Tuba.
Eine Komposition aus der Feder Billichs, ein grandioser Musiker, der an der Musikhochschule Nürnberg Jazz-Piano unterrichtet, versetzt in die Zeit 50 vor Christus, wie Hofmeir erläutert. Ein fulminantes, anspruchsvolles Werk für beide Interpreten.
Unterhaltsam, leichtfüßig und Musik auf höchstem Level bietet dieser Abend mit dem schrulligen, bajuwarischen Künstler und seinem Begleiter, der stumm bleibt. Ohne mehrfache Zugaben dürfen die zwei die Bühne nicht verlassen.
Quelle
| Ausgabe | Die Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 70 |
| Datum | Dienstag, den 24. März 2026 |
| Seite | 18 |