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Ochs und Esel sollen nicht so glotzen

Rheinpfalz, Kultur Regional

Die Kabarettistin und Chanteuse Nessi Tausendschön stimmt mit ihrem Programm „Weihnachtsfrustschutz“ im Herrenhof urkomisch auf die besinnlichen Tage ein

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Von Ute Gerst

Neustadt-Mussbach. Da die Weihnachtszeit die emotionalen Erwartungen extrem hoch schraubt, bedarf es unbedingt eines Frustschutzes, der wärmt, aufmuntert und die Menschen stärkt für das „Fest der Liebe“ – den bot am Samstag die Kabarettistin Nessi Tausendschön bei ihrem Auftritt in der wie immer gut besuchten Reihe „Kabarettissimo“ im Mußbacher Herrenhof.

Mit ihrem „Weihnachtsfrustschutzprogramm“ bereitete die Künstlerin, die vor ihrer Kleinkunstkarriere eine Zierpflanzengärtnerlehre absolvierte und dabei auch auf den Namen „Tausendschön“, im Volksmund das „Gemeine Gänseblümchen“, stieß, den Zuschauern in Mußbach viel Freude. Viele Lacher erzeugten zum Beispiel die unbedarfte Gabi Pawelka, die Seminarleiterin mit dem sächsischen Zungenschlag und die Tipps, die Nessi zum Glücklichsein parat hat. Nun ist die Künstlerin aber nicht nur Kabarettistin, sondern auch Chansonnette und flößte so dem Publikum, am Flügel begleitet von Marcus Schinkel, auch ordentlich Frustschutzmittel in Liedform ein. Einfach köstlich der Schutzengel mit Flauschflügeln und Alkoholproblem, der zum „Rauschgoldengel“ wurde. Und auf spontanen Zuruf verwandelt Nessi Tausendschön „Jingle Bells“, das meistverkaufte Weihnachtslied auf CD, zu Reggae, Sirtaki, Heavy-Metal, Hip-Hop und ein Mozart-Stück. Das Publikum klatschte wie wild ob dieser Spontaneität und Spielfreude.Auch ein chinesisches Weihnachtslied durfte nicht fehlen: „Es ist ein Los entsplungen“. Perlende Töne entstiegen Nessis Bambusflötlein und machten der „singenden Säge“ Konkurrenz, die den zu Herzen gehenden Titel „Wärst du Kindchen im Kaschubenland geboren“ begleitete. „Leise schnieselt der Re-Aktionär seinen Tee. Sitzt bei der Lampe noch spät – Blättert im Aktienpaket! Ordnend Scheinchen auf Schein. Fällt Erinnerung ihm ein“ von Dieter Süverkrüp aus der Sammlung „garstige Weihnachtslieder“ erklang ebenfalls im hellen Sopran der Kleinkunstdiva.

Die schlüpfte auch lustvoll in Rollen wie der von Maria und Josef: Josef, der einen Vaterschaftstest fordert, und Maria, die den Sohn eigentlich hatte Dieter nennen wollte und nicht Jesus, statt stinkendem Weihrauch lieber Mozartkugeln geschenkt bekommen hätte und sich nicht ständig von Ochs und Esel „beglotzen“ lassen will! Dann wieder die voluminöse und schmiegsame Drei-Oktaven-Stimme, die die polternde Ulknudel zu einer brillanten Chanteuse werden lässt. Sie kann einfach schön singen. Und ihre Lieder berühren.

Diese Frau ist voller Kontraste: Komödiantische Höhepunkte lassen sich noch steigern zu bitterbösen Erkenntnissen, fühlt sie sich doch durch Süverkrüp bestätigt: „Alle Welt frisst sich satt! Und zu der Innerlichkeit Ist keine Sau mehr bereit!“ Der Pianist haut in die Tasten, und Nessi Tausendschön serviert aus ihrem unergründlichen Humor-Reservoir einen Energie-Cocktail nach dem anderen. Sogar das politische Tagesgeschehen bleibt nicht außen vor, eingestreut in unvermutete Zusammenhänge spricht sie davon, dass irgendwie alle Menschen Flüchtlinge sind. Eben wie Maria und Josef. Fazit: Nessi Tausendschön ist nichts für Mimosen, sie geht auf Konfrontationskurs mit dem Publikum, ihre frech-frivole Art provoziert und fordert heraus. Und das ist gut so, in einer Zeit, in der die Weihnachtsdevotionalien schon im September in den Auslagen stehen und sich die „Stille Nacht“ in vielen Familien verwandelt hat in Streit und Frustration.

 

Nessi Tausendschön
2.12.2017

In Abscheu aneinander gekettet

Rheinpfalz, Kultur Regional

Das Comedy-Duo Emmi und Herr Willnowsky begeistert mit wortwitzigen Anekdoten und gekonnten Musikstücken im Herrenhof Mußbach

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Von Regina Wilhelm

Neustadt-Mussbach. Ach, was sind sie garstig zueinander. Nur Frechheiten und Boshaftigkeiten werfen sich Emmi (Christoph Dompke) und ihr Gemahl Herr Willnowsky (Valentin Willnowsky) an den Kopf. Am Samstagabend war das Comedy-Duo zu Gast bei Kabarettissimo im Herrenhof in Mußbach. Die Zuschauer, die den Festsaal nicht ganz füllten, amüsierten sich köstlich und bedankten sich mit kräftigem Applaus für zwei Stunden urkomischen Rosenkriegs.

Nach 20 Jahren Ehe scheint das letzte Fünkchen Sympathie zwischen den beiden verloschen zu sein. Emmi im schwarzen langen Kleid und mit einem blumenbestückten Reif im blonden Haar betritt – ganz die Diva – die Bühne. Ihr folgt artig Herr Willnowsky im roten Jackett, in dunklem Hemd und ebensolcher Hose. Schon beginnen beide, ihr Feuerwerk der Widerwärtigkeiten und Beleidigungen abzuschießen. Originelle Gags wechseln sich mit dem einen oder anderen bekannten Witz ab. Im Kontext gesehen stört das nicht: Es passt eben.Wie im Pingpong-Spiel gehen die Angriffe hin und her. „Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du schöne Augen hast?“ „Nein.“ „Klar, es stimmt ja auch nicht.“ Oder: „In Willnowskys Klasse haben 78 Prozent den Abschluss nicht geschafft.“ „So viele waren wir gar nicht.“

Zusammengefunden hat das Paar über die berufliche Schiene. Sie, die Kammersängerin, brauchte einen Pianisten; er, aus der ehemaligen Sowjetunion eingereist, einen Job. Diese Verbindung mündet schließlich im Hafen der Ehe – der größte Fehler ihres jeweiligen Lebens, wie die zwei nicht müde werden zu betonen. Sie wünschen sich gegenseitig am liebsten den Tod. „Dann wäre ich frei“, singt Emmi einmal.

Nach einigen ersten Verbalinjurien begrüßt das Paar, „eine blöde Gans und ein Idiot“, das Publikum musikalisch. „Ich hoffe, ihr seid breit“, ruft Willnowsky den Zuschauern zu. Anders nämlich sei diese Vorstellung nicht zu ertragen. Und ja, er hat Recht. Mitunter greifen Willnowsky und Emmi schon tief in die Schublade. Eine Kaskade von sexistischen Begriffen, von Bezeichnungen für menschliche Ausscheidungen aller Art prasselt nur so auf den Zuschauer herab, häufig untermalt von seltsamen Grunzlauten. Manche Pointe muss der geneigte Zuhörer schon rasch mit einem Schluck Wein hinunterspülen, sonst bliebe sie im Mund hängen.

Die Gnade, in der ersten Reihe zu sitzen, erweist sich auch an diesem Abend einmal mehr als Ungnade. Da ist Christine, Dozentin für Pädagogik und Psychologie. „Sie macht mich richtig rattig“, sagt Willnowsky mit eindeutigem Gesichtsausdruck. Am Tisch nebenan sitzen Wolfgang, der als Umwelttechniker in Neustadt arbeitet, und seine Heidrun, wohnhaft in Deidesheim. „Neustadt soll also sauber bleiben“, sagt der Pianist ganz spontan in Richtung Wolfgang. „Da hätte meine Frau das Hotel eigentlich nicht verlassen dürfen.“

Emmi begibt sich auf die Suche nach einem jungen und hübschen Mann. Im kurzzeitig beleuchteten Saal fällt ihr Blick auf Robin, der ganz hinten sitzt. Nein, er komme nicht aus Haßloch, wehrt sich der junge Mann vehement gegen die übliche Unterstellung. Er sei aus Wiesental, zwischen Mannheim und Karlsruhe. Der 20-Jährige, der „die Eierschalen noch an den Ohren trägt“, wird im Laufe der Vorstellung noch öfter zitiert.

Zwischenhalt Jamaika. In bunter Mütze mit Rastalocken fetzt Willnowsky über die Bühne. „Don’t worry, die happy“, singen sich die Partner gegenseitig an. Später geben sie als Duo Chansons von Gilbert Bécaud, ein Potpourri von Udo Jürgens sowie Gassenhauer von Helene Fischer und Heinz Schenk zum Besten – natürlich alle mit umgedichteten, von Unverschämtheiten triefenden Texten. Zum Atemholen im Geschlechterkampf erfolgt mal ein Seitenhieb auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, mal auf die rechte Pegida-Bewegung. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier und die Air-Berlin-Pleite taugen nicht minder zum Minischwank.

Der vermeintliche Versöhnungsakt – Emmi erscheint als Nonne und bittet um Vergebung – verkehrt sich im umgedichteten Song aus „Sister Act“ ins Gegenteil. Nein, die beiden mögen sich einfach nicht mehr und sind doch aneinander gekettet, weil sie sich brauchen. „Emmi ist eine Supernonne. Warum? Weil auch ihre Mutter und Großmutter schon eine waren“, kommentiert Willnowsky hämisch. In Emmis selbstgeschriebenem, recht langen Märchen „Rotkäppchen und das Riesenkaninchen“ wird ihr widerwilliger Partner zum Mitmachen gezwungen. Die rote Zipfelmütze wirft er sofort von sich. Es hilft nichts. Die alternde Kammersängerin inszeniert die Geschichte bis zur eigenen Atemlosigkeit.

Gespielte Anekdoten und Witze, unterbrochen durch tolle Musik, die Willnowsky gekonnt am Flügel interpretiert, machen die kunterbunte Show aus. Kräftiger Applaus ist der Lohn, und ohne Zugaben darf das Duo nicht abtreten.