Neustadt-Mussbach. Mit einigen neuen Gesichtern wartet „Kabarettissimo“, die Kleinkunstreihe im Mußbacher Herrenhof, im ersten Halbjahr 2016 auf. Den ersten Abend im kommenden Kabarett-Jahr bestreitet allerdings ein „alter Hase“, nämlich der niederländische Kabarettist, Pianist und Entertainer Robert Kreis, der als einer der Väter der bis heute anhaltenden 20er-Jahre-Retrowelle gilt.
Uwe Kreitmann kennt seine Gäste und deren Geschmack. Deshalb engagiert er natürlich auch immer wieder Künstler, von denen er weiß, dass sie populär sind und für ein volles Haus sorgen werden. Allerdings soll auch der Nachwuchs auf der Kabarettbühne im Herrenhof eine Chance haben und frischen Wind in den Festsaal in Mußbach bringen. Diese Mischung aus etablierten und jungen, noch eher unbekannten Künstlern prägt auch das neue Saisonprogramm.
Den Auftakt macht hier , wie gesagt, am 23. Januar Robert Kreis, der nach Kreitmanns Worten schon viermal in Mußbach zu Gast war, in der Region aber auch durch Auftritte an anderen Orten sehr bekannt ist. Inzwischen habe sich sogar eine regelrechte Freundschaft entwickelt. Vier Jahrzehnte sei Kreis bereits im Geschäft. Unter dem Motto „Manche mögen’s Kreis“ werde er Auszüge aus seiner Biografie zum Besten geben. Wie immer unterlegt der Künstler seine Darbietungen mit Schlagern aus den 1920er und 1930er Jahren. „Die meisten von diesen Liedern sind aktueller, als man denkt“, sagt Kreitmann.
Mit Sarah Hakenberg kommt dann am 13. Februar Kreitmanns „erste Neuentdeckung für dieses Jahr“ nach Mußbach. Ihr mittlerweile drittes Programm trägt den sinnigen Titel „Struwwelpeter reloaded“. Die Geschichte vom Struwwelpeter ist allenthalben bekannt. Aber zeitgemäß ist sie nicht mehr. Grund genug für die junge Kabarettistin, sich des Stoffes anzunehmen und ihm ein Update zu verpassen: Zappelphilippe haben ausgedient, heute schlucken hyperaktive Kinder einfach Medikamente, wie beim Lied von „Ritalin-Aline“ zu hören ist. Hans-guck-in-die-Luft wird abgelöst von „Mandy-guck-aufs-Handy“. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Kabarettpreis, ist die in München lebende 37-Jährige längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Mit ihr, hofft Uwe Kreitmann, speziell „das Interesse jüngerer Leute zu wecken“.
Dasselbe Ziel, aber nicht nur, verfolgt der „Kabarettissimo“-Chef mit dem Auftritt des satirischen Liedermacher-Duos „Simon & Jan“. Er habe die beiden bei einem Kabarett-Festival gesehen und sei gleich begeistert gewesen, berichtet Kreitmann. Die zwei Musiker, denen 2016 der Deutsche Kleinkunstpreis verliehen werden wird, widmen sich vornehmlich sozialkritischen Themen. Ihre Songs, sagt Kreitmann, erinnerten stilistisch an „Simon & Garfunkel“, aber ihre Texte „haben es in sich“. Ihr Debüt im Festsaal geben sie am 12. März.
Eine feste Fangemeinde in Mußbach hat Frederic Hormuth schon. Der Mannheimer ist bereits öfter hier gewesen. „Hormuth gehört einfach mit dazu“, sagt Kreitmann schmunzelnd, „weil er gut ist“. Vorstellen wird der Kabarettist sein neues Programm „Halt die Klappe – wir müssen reden“, mit dem er im März 2016 auf seiner Stammbühne, der „Klapsmühl“ in Mannheim, Premiere feiert. Auch dieses Mal, ist Kreitmann überzeugt, werde der 47-Jährige kritisch zu tagespolitischen Themen Stellung beziehen. Ob Abendlandretter oder Steuerhinterzieher, ob Veganer, die Vegetarier gefressen haben, oder Politiker, die uns die Chlorhühnchen verordnen – sie alle sollen ihr Fett abbekommen. Und zwischendurch intoniert Hormuth natürlich auch noch seine eigenen Kompositionen. Erwartet wird er am 16. April.
„Warnung vor dem Munde“ heißt es vier Wochen später, am 14. Mai, wenn René Sydow die Bretter im Herrenhof betritt. Als einen messerscharfen politischen Kabarettisten, der ebenfalls schon etliche Preise eingeheimst und mehrere Fernsehauftritte absolviert hat, beschreibt ihn Kreitmann, der ihn live erstmals bei der Freiburger Kleinkunstbörse gesehen hat. Sydow changiere zwischen bissiger Satire und poetisch-literarischen Texten, was ihn persönlich sehr angesprochen habe. Auch verstehe es der am Bodensee geborene Kabarettist und Schauspieler, in mehrere Rollen zu schlüpfen und diese Figuren miteinander kommunizieren zu lassen.
Florian Schröder, der am 4. Juni den krönenden Abschluss des Halbjahresprogramms bildet, ist bereits häufiger zu Gast im Herrenhof gewesen. „Entscheidet Euch“ ist das Programm überschrieben, das er diesmal im Gepäck hat. Mittlerweile sei es nicht mehr ganz so leicht, eine Zusage des Kabarettisten zu bekommen, sagt Kreitmann. Zu viele Auftritte, nicht zuletzt im Fernsehen, begrenzten dessen Zeitbudget. Aber als gebürtiger Freiburger nehme der Künstler Mußbach gerne bei einem Abstechern in seine Heimat mit. Sehr politisch und gesellschaftskritisch, witzig und schlagfertig, wie er ist, komme der Kabarettist in Mußbach gut an.
Obwohl der Vorverkauf schon begonnen hat, gibt es noch Karten für alle sechs Veranstaltungen. Veranstaltungsort ist jeweils der Festsaal des Herrenhofs, Veranstaltungsbeginn um 20 Uhr. Karten bei Tabak Weiss (06321/2942), in der Papier-Schatulle Mußbach (06321/60360) und unter www.kabarettissimo.de. Karteninfos am Veranstaltungstag jeweils ab 15 Uhr unter 06321/96399918. (giw)
Neustadt-Mussbach. Fruchtige Süßspeise mit schwarzer Couleur gefällig? Was das kabarettistische Musikduo „Schwarze Grütze“ alle Jahre wieder bietet, verspricht eine ausgefallene Geschmacksrichtung: „Endstation Pfanne, was bleibt ist eine Gänsehaut“ heißt ihr Weihnachtsprogramm, das sie am Samstagabend im Mußbacher Herrenhof präsentierten.
Sie geben es lieber gleich zu: Zur „Kernkompetenz“ von Stefan Klucke und Dirk Pursche gehören Weihnachtsthemen nicht gerade. Das hätten die beiden Herren aus Potsdam ihrem Publikum aber gar nicht sagen müssen. Und sollte tatsächlich der eine oder andere im Rahmen einer Weihnachtsfeier in den Herrenhof gefunden haben, so dürfte ihm schon bei den ersten Kostproben klar geworden sein: Hier kommt eine ganz sonderbare Art weihnachtlicher Freuden auf. Was das mundfertige Duo singend und proklamierend von sich gibt, zeigt private wie gesellschaftliche Absurditäten vor der zunächst geschlossenen Fassade eines Adventskalenders. Der hat es buchstäblich in sich, verbergen sich doch hinter den Türchen dunkle Abgründe von Familienleben, die sich in festlichen Zeiten furchterregend öffnen.Zweifelhafte Weihnachtsfreuden finden Klucke und Pursche im verminten Feld zwischen Konsumorgie und Familienstress. Dass der rotweiß gewandete Weihnachtsmann der Coca-Cola Werbung die weltweite Vorstellung vom Geschenkebringer prägte, ist da noch eine klare Fußnote. Doch immer kurioser entstauben die Bühnenmänner weihnachtlichen Kitsch und verzerren ihre Adventskalender-Figuren samt deren Plagen. Das beherrschen sie bizarr und halsbrecherisch bis zum Serienmord.
Bekömmlich muss das natürlich nicht sein. Die ausgekochte Kunst der zwei Parodisten, die ihre Darbietungen virtuos auf E-Gitarre, E-Bass und am Piano verabreichen, zieht die Lacher ohnehin auf ihre Seite. Köstliches Karikieren mit Körpereinsatz gehört ebenso zum Programm wie chaotisches Blödeln samt Verkleidungen, während die beiden ein Kalendertürchen nach dem anderen öffnen und dahinter abstruse Geschichten und Momente beleuchten.
Ob es nun darum geht, was ein gepeinigter kleiner Marvin an den Festtagen erträgt oder wie gefährlich ein verkleideter Weihnachtsmann in Terrorzeiten lebt – immer wieder beißt der Zuhörer in der verabreichten schwarzen Kost auf harte Häppchen von Wahrheit. Gelacht darf trotzdem werden, weil die Musiker ihre Satire in wahnwitzig überspitzten Phantasien ausmalen. Ein provozierendes Wortspiel reiht sich ans andere, während sie ihre Darbietungen mit Anspielungen, Spitzen, auch mit Anzüglichkeiten spicken. Das darf auch mal richtig schräg klingen oder im übersprudelnden Wortschwall so mitreißen, dass man längst nicht mehr folgen kann. Nicht nur wegen der vielen Weihnachtsmäntel sieht mancher in „besinnlichen“ Zeiten derart rot, dass Friede und Freude in Mord und Totschlag umschlagen. Genüsslich malen die beiden diesen Umstand bei Familie Hempel aus. Doch die mörderische Weihnachtsfreude wird nochmals aufgeschoben und selbst Schläfer Achmed zündet den Sprengstoff nicht, weil seine potenziellen Opfer als Lebende mehr Schaden anrichten.
Zuletzt verflechten die Kabarettisten ihre einzelnen Geschichten so paradox ineinander, dass der Adventskalender zur ulkigen Kombination der Ereignisse wird. Als Zugabe belustigt der Mann, der mit einem Frosch auf dem Kopf zum Arzt kommt, in drolligen Variationen. Weil das begeisterte Publikum mehrfach Nachschlag wünscht, bleibt dem Duo nichts anderes übrig, als ein Reset durch „musikalisches Abklingbecken in Moll“ zu probieren. Wobei die Bruchstücke aus Stimmungsliedern, zusammen gesetzt als düsteres Zecher-Lamento, die Stimmung im Saal eher noch weiter anheizen.
Von Sigrid Ladwig