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Die Wortproduziermaschine

Rheinpfalz, Kultur Regional

Philipp Weber begeistert das Publikum in der Reihe „Kabarettissimo“ im Mußbacher Herrenhof

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Von Regina Wilhelm

Neustadt-Mussbach. Er braucht keinen Punkt und kein Komma. Atem holen? Kennt er nicht. Philipp Weber ist eine niemals stillstehende Wortproduziermaschine. Das, was er in die Welt hinauskatapultiert, ist nicht nur witzig, sondern meist einer Überlegung wert. Am Samstag war der Odenwälder zu Gast in der Reihe „Kabarettissimo“ im Herrenhof. Das Publikum im ausverkauften Haus applaudierte am Ende frenetisch.

„Durst – Warten auf Merlot“ hat Weber sein Programm überschrieben. Und welcher Ort sei besser geeignet, dieses vorzutragen, als das „Land der Weine“? In der ersten Reihe entdeckt er prompt Besucher, die sich ein Gläschen genehmigen. Martina, die sich für einen Riesling entschieden hat, wird mehrfach zur Dialogpartnerin der interaktiven Vorstellung.In einem grandiosen Rundumschlag analysiert der Wortkünstler eine Vielzahl der Flüssigkeiten, die als Getränke durchgehen. Als roter Faden dient der verblichene Onkel Rudi, der nicht nur eine Gaststätte betrieb – „Das zweite Reich“, jetzt, in türkischer Hand, heißt sie, weil die Zählung fortgeführt werden muss, „Das dritte Reich“ -, sondern auch einen üppig bestückten Weinkeller besaß. Neffe Philipp hat Letzteren geerbt. Nun präsentiert er eine Flasche Merlot aus Südafrika, deren Etikett exemplarisch für die unendlich blumigen Beschreibungen von Weinen herhalten darf. Da ist die Rede vom tänzelnden und lasziven Abgang, von diversen Fruchtaromen, die den besonderen Geschmack, ein ästhetisches Feuerwerk, erzeugen. „Es hört sich an wie Schillers Lied in der Flasche, und dabei ist darin nur vergorener Traubensaft, genauer faulender Fruchtsaft, in den ein Hefepilz hineingepisst hat“, hält Weber prosaisch fest.Diese Art von nahezu erotischer Beschreibung „kennen wir aber nur von Wein-, nicht von Teetrinkern“, sagt der gelernte Chemiker. Kein Wunder, lehre doch der Geschmack mancher Kräutertees eher das Fürchten. Wenig hält er auch von Gemüsesäften. „Wer einmal Ingwersaft probieren möchte, sollte vorher mit einer Flasche Meister Proper üben“, rät er. „Und mal ehrlich, Sauerkrautsaft klingt doch wie Ohrenschmalzbrot.“

Wie Onkel Rudi setzt Neffe Philipp lieber auf die Heilkraft des Bieres. Ein Liter-Bier enthalte 0,3 Milligramm Vitamin B 12. Der Tagesbedarf liege bei 1,12 Milligramm. Diesen decke er doch gern.

Dennoch redet Weber nicht dem Alkohol das Wort. Genusstrinken sei in Ordnung – aber nicht das sinnlose Flat-Rate-Konsumieren. Betroffen seien davon vor allem soziale Berufsgruppen, Ärzte, Kranken- und Altenpfleger oder Priester, aber auch Piloten. Außerdem nennt er die Jugendlichen, die in hoher Zahl mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingelieferten werden. Harsch geht der Kabarettist mit der Industrie ins Gericht, die mit hohen Zuckerzusätzen den jungen Leuten die alkoholischen Getränke schmackhaft macht.

Jeder vierte Unfall, zitiert der Künstler eine Studie, geschehe unter Alkoholeinfluss. Er selbst sei auch beinahe mal erfroren, weil er bei seinem Kumpel die Kühlschranktür mit der Haustür verwechselt habe. Zum Glück fand ihn der Freund: der wollte zum Rauchen raus, ergriff aber statt der Balkon- die Kühlschranktür.

Ob Sport gesünder sei als Alkohol, wagt Weber zu bezweifeln. So seien im vergangenen Jahr 8000 Deutsche beim Sport verstorben, nur 1500 wegen Alkoholkonsums im Straßenverkehr. Ergo sei „betrunken heimfahren gesünder als joggen“.

In seinem unerschöpflichen verbalen Tsunami sprudeln die Gags und Pointen nur so hervor. Dazwischen packt Philipp Weber auch ernste und mahnende Worte. Da erzählt er vom Kauf einer neuen Kaffeemaschine. Zu einer „Nespresso“ habe ihm der Saturn-Verkäufer – „die wissen noch weniger als die Kunden“ – geraten, die sei so umweltfreundlich. Von wegen! Durch „Nespresso“, weiß der Kabarettist, entstünden jährlich 4000 Tonnen Alu-Schrott, nur 25 Prozent der Kapseln würden recycelt, 75 Prozent verbrannt. In jeder Kapsel à 35 Cent seien fünf Gramm Kaffee, sodass das Kilogramm am Ende 70 Euro koste. Um die Stimmung nicht kippen zu lassen, schildert er – Komik auf Höchstniveau – die Erfahrungen mit seinem italienischen High-Tech-Kaffeevollautomaten, bei dem ständig viele Lichtlein blinken, das Kaffeeerzeugen aber eine halbe Stunde Vorlauf braucht.

Ähnlich wie der Hype um den Kaffee beschreibt der Künstler den ums Wasser. In einem Restaurant in Passau habe er tasmanisches Wasser, „Tränen vom Himmel“, getrunken – zu 26 Euro die Flasche – und welches von den Fidschi-Inseln. „Da säuft die Stadt alle zwei Jahre ab, doch zwischendurch holt sie noch Wasser von der Ferne.“ Die Verschwendung von Wasser einerseits und der Mangel in vielen Ländern andererseits geben wieder Anlass zu tiefschürfenden Reflexionen.

Mit einem furiosen Abgesang auf moderne Drogen, auf Einschlafhilfen in Form von angeblich beruhigenden, ihn aber aggressiv werden lassenden Brandungsgeräuschen beendet Philipp Weber den Abend. Eine Erkenntnis gibt er dem begeisterten Publikum mit auf den Weg: Was löscht den Durst der Seele? Die Liebe. Der Mensch soll seine Feinde lieben. Diesem Grundsatz ist Onkel Rudi gefolgt.

Philipp Weber
18.02.2017

„Zieh den Ring ab, und das Haus ist weg!“

Rheinpfalz, Kultur Regional

Viereinhalb Stunden Kleinkunst und ein Versprechen: Die Reihe „Kabarettissimo“ feiert ihr 20-jähriges Bestehen mit einer Jubiläumsgala im Mußbacher Herrenhof

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Von Holger Pöschl

Neustadt-Mussbach. Einen Kabarett-Abend in der Länge einer Wagner-Oper, der trotzdem kein bisschen Langeweile aufkommen ließ – das brachte am Samstag die Jubiläumsgala zum 20-jährigen Bestehen der Kabarettreihe im Mußbacher Herrenhof, die seit dem Jahr 2000 unter dem Namen „Kabarettissimo“ firmiert. Frederic Hormuth, das Stuttgarter Duo „Zu Zweit“, die „Buschtrommel“ aus Münster, Robert Kreis, HG. Butzko und Annette Postel sorgten für viel Abwechslung und bestätigten einmal mehr den Ruf des Herrenhofs als „Zentrum des intelligenten Humors mitten in der Provinz“, wie Moderatorin Kerstin Bachtler es ausdrückte.

Im Mittelpunkt des Abends stand dabei der Mann, dem all das zu verdanken ist: Uwe Kreitmann, der 1997 die Herausforderung auf sich nahm, fast aus dem Nichts eine Kabarettreihe in Mußbach zu etablieren und diese Aufgabe mit seinem Team aus Verwandten und Freunden bis heute so generalstabsmäßig abwickelt wie ein Manager die feindliche Übernahme eines Konkurrenzunternehmens – allerdings ehrenamtlich, einfach aus Spaß an der Freud und mit großer Bescheidenheit. Auch an diesem Abend, exakt die 221. Veranstaltung der Reihe übrigens, spielte er sich nie in den Vordergrund, sondern überließ ganz den Künstlern und Kerstin Bachtler, die eloquent und charmant durchs Programm führte, das Feld.

Die immer etwas undankbare Rolle des Openers fiel dabei dem Mannheimer Kabarettisten Frederic Hormuth zu, der insgesamt schon achtmal in Mußbach aufgetreten ist – das erste Mal 1999 mit dem Trio „Die Allergiker“. Allerdings tat sich der Mann, der als Texter für prominente Kollegen wie Bülent Ceylan zugange ist, mit seinen eigenen Pointen etwas schwer. Arg grobschlächtig kam doch daher, was er da etwa über die AfD oder die Verschwörungstheorien im Internet vom Stapel ließ. Dass Jesus heutzutage in der AfD wäre, weil er doch schon immer den Kontakt zu Nutten und Verbrechern gesucht habe, ist wohl eher Vorschlaghammer als Florett. Da war noch Luft nach oben.

Für wesentlich mehr Begeisterung sorgte danach das Duo Tina Häussermann und Fabian Schläper, das erstmals 2008 gemeinsam bei „Kabarettissimo“ zu erleben war, dessen „Bestandteile“ aber zuvor und danach auch schon solo in Mußbach zu Gast waren, trotzdem aber nach eigener Aussage noch nie die richtige Einfahrt zum Herrenhof gefunden haben. Was sie mit engem, lindgrünem Kleid am Grotrian-Steinweg-Flügel und er mit Sakko und rosa Hemd am Mikro da vorzutragen hatten, war intelligentes, witziges Chanson-Kabarett allererster Sahne – brillant getextet wie im vor Wortspielen nur so strotzenden Song „Doppelt und halb“ und wunderbar dem Alltag abgelauscht und überspitzt wie in der Hymne auf die vernachlässigte Büro-Zimmerpflanze oder dem Lied über die Erfahrungen des Großstadtbewohners mit Politessen, „den einzigen Dominas, die nach BAT bezahlt werden“. Der absolute Hammer freilich war das Lied über den potenten Wladimir vom Hermes-Paketdienst, der allen Hausfrauen den Kopf verdreht. Dass „Zu Zweit“ sich zwischen den Musikbeiträgen auch noch witzig und charmant die Bälle zuzuspielen verstehen, setzte dem Ganzen die Krone auf.

In puncto Zusammenspiel und Pointensicherheit konnte das nächste Duo da nicht mithalten: Das Ensemble „Die Buschtrommel“ war inzwischen schon in drei verschiedenen Besetzungen in Mußbach, wobei der Gründer Andreas Breiing die einzige Konstante bildet. Gerne erinnert sich Uwe Kreitmann an den feuchtfröhliche Abend nach dem Auftritt im Februar 2004. Doch was Breiing und seine neue Partnerin Britta von Anklang jetzt am Samstag vortrugen, wirkte über weite Strecken gewollt und angestrengt. Ein wenig von der einstigen Klasse Breiings ließ eigentlich nur sein Auftritt als AfD-Umweltbeauftragter erkennen, der sich für die Ausweisung „undeutscher“ Tierarten aus deutschen Zoos ausspricht. Dass er sich dabei immer mehr in Rage redet und auf Führer-Diktion einschwenkt, ist zwar nicht gerade subtil, aber das ist die „Alternative für Deutschland“ schließlich auch nicht. Dass Britta von Anklang allerdings Polit-Zombies wie Otto Schily nochmals aus der Kiste holt und später auch noch verkündet, dass es beim Kabarett ja nur darum gehe, Altes neu zu verpacken, ist einfach nur peinlich.

Einer, den man dafür liebt, dass er Altes virtuos neu serviert, ist dagegen Grandseigneur Robert Kreis, der erstmals 2002 mit seinen Kabarettliedern der 20er und 30er Jahre im Herrenhof gastierte. An diesem Abend trug der Niederländer leider nur zwei Songs vor, zeigte aber auch damit, dass Abende mit ihm nie verschwendet sind. Und die Witze aus Zeitschriften der Weimarer Republik, die er auf so unnachahmliche Weise vortrug, rissen das Publikum auch nach 90 Jahren noch zu Lachstürmen hin. Kostprobe? „Was haben Ehefrauen und Handgranaten gemeinsam? Zieh den Ring ab, und das Haus ist weg!“

Dass klassisches, politisches Wortkabarett auch heute noch gut funktionieren kann, wenn man es nur richtig macht, zeigte danach HG. Butzko, den Kreitmann 2007 von der „Reblaus“ übernommen hatte, weil er dort nicht mehr gebucht wurde. Eine Fehlentscheidung der ansonsten doch so treffsicheren „Rebläuse“ muss man da wohl sagen, denn die Mischung aus schonungsloser Zeitanalyse, schnoddrigen Gags und pointierter Nachdenklichkeit, die der Gelsenkirchener in petto hat, ist eine Klasse für sich. Ob islamistischer und nationalistischer Terror, der neue US-Präsident oder die schöne neue Welt des Internets – Butzko findet fast immer eine Deutung, die einen als Zuschauer mit der Zunge schnalzen lässt. Beispiel? „Früher hatte jedes Dorf einen Deppen. Facebook heißt, dass die sich jetzt unterhalten können.“

Den letzten Akt des Abends gestaltete dann eine Künstlerin, die „Kabarettissimo“ ganz besonders verbunden ist: Die Chanteuse Annette Postel absolvierte 1997 den Auftritt Nr. 1 der Kabarettreihe und nennt Gustav-Adolf Bähr, den altgedienten Vorsitzenden der Fördergemeinschaft Herrenhof, zärtlich „meinen Entdecker“. Sie trug an diesem Abend, am Piano unterstützt von Klaus Webel, einige wunderschöne Beispiele aus ihrem Opern-Comedy-Repertoire vor, etwa den Beitrag über die lispelnde Opern-Diva, die die Arie so umbaut, dass keine S mehr drin vorkommen – bis zum Schluss dann einfach kein Reim mehr passt, oder das Mauerblümchen, das sich unter dem Einfluss von Bizets „Carmen“ zum männerverschleißenden Vamp wandelt. Und ganz zum Schluss dominierte ihr wunderbarer lyrischer Sopran dann natürlich auch den Kanon „Viel Glück und viel Segen“, den alle zehn Künstler zusammen für Uwe Kreitmann anstimmten. Denn der wird in wenigen Tagen 50 Jahre alt, steht in seiner Lebensplanung aber weiter fest zu „Kabarettissimo“. Jedenfalls ließ er sich auf der Bühne das Versprechen ablocken, es werde mit der Reihe die nächsten 20 Jahre genauso weitergehen.