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Einmal „Pogrompoly“ mit der AfD

RHEINPFALZ, KULTUR REGIONAL

Von Regina Wilhelm

Neustadt-Mussbach.

„Das Deutsche reich(t)!“ – unter diesem anspielungsreichen Motto legte Thomas Reis in der Reihe „Kabarettissimo“ am Samstag im Herrenhof seine Sicht der Dinge dar und bot den Zuschauern eine Menge Denkanstöße für den Nachhause-Weg. Dafür spendeten sie mächtig Applaus.

Mit einem Gruß an die „lieben Pfälzer“ eröffnet Reis freundlich den Abend. Doch der Schein trügt. Wie sein mit allen Wassern gewaschener Rundumschlag schnell zeigt, ist er grimmig gestimmt, denn ein Gespenst geht um in Europa – und es ist nicht nur das Corona-Virus. Ein zweites kommt als Populismus daher, besonders in Thüringen. Reis spricht von der „kürzesten Machtergreifung“ aller Zeiten durch die FDP, die „Freunde des Populismus“, und schüttelt den Kopf: „Wer lässt sich als Demokrat von Nazis wählen?“. Allerdings habe die FDP mit fünf Prozent ja einen klaren Regierungsauftrag …

Die AfD dagegen spiele gern „Pogrompoly“, versucht Reis die Denke dieser Partei zu entlarven: Für drei Baracken gibt es ein Krematorium. Noch öfter wird den Zuschauern der Atem stocken. Der „Liberazi“ Gauland leugne nicht den Holocaust, bezeichne ihn jedoch als „Vogelschiss“. Ergo: „Deutschland ist die größte Guano-Insel“. In das Lied von den „zehn kleinen Populisten“, die sich zusehends reduzieren, fällt das Publikum gern ein. Den Originaltitel, erklärt Reis in einem Zwiegespräch mit einem imaginären Thüringer, dürfe man ja nicht mehr nennen. „Wie soll ich denn zu einem Bimbo sagen?“, fragt der zurück. Farbiger? Nein. Denn dank seiner Tätowierungen ist der Thüringer doch selbst ganz dunkel. 

Die Ausländerfeindlichkeit führt den Kabarettisten zu einer charakteristischen Eigenschaft des Deutschen: Platzangst: Im Zug wird auf den reservierten Sitz gepocht, selbst wenn das Abteil leer ist. Am Handtuchimperialismus ist der Deutsche im Urlaub erkennbar. „Wieso liegen eigentlich auf deutschen Friedhöfen keine Handtücher?“ Wieder eine Prise rabenschwarzer Humor. 

Frauen sind halt irrational –
warum sonst wählen sie Trump?Weiter geht’s zur EU und zum Brexit, „ein Witz“. Wozu habe er jetzt Englisch gelernt? Auch die neue Kommissionspräsidentin und ehemalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kriegt ihr Fett weg. Als „Eurofighterin war Flugfähigkeit nicht ihre Kernkompetenz.“ Schusselig sei sie obendrein, habe sie doch aus Versehen ihre Handy-Daten gelöscht. Auch Katalanen und Flamen, die dem Separatismus huldigen, Österreicher, die einen wie Kurz zum zweiten Mal wählen, Polen, die auf die Pis-Partei stehen, und Amerikaner, die einen Donald Trump zum Präsidenten machen, kommen nicht ungeschoren davon. Herrlich münzt der Künstler Frank Zappas „Bobby Brown“ auf Trump um. Diesen „Grapschfinger“ hätten 56 Prozent der Frauen gewählt. Da stelle sich schon die Frage, ob das Frauenwahlrecht berechtigt sei. Gut, Frauen seien eben irrational. 

Über Putin und Erdogan eilt Reis dann wieder zur deutschen Politik. Für AKK sei es ungesund gewesen, dass die AfD ihr Verfallsdatum um 75 Jahre überschritten habe. Die „Putzfrau Gretel“ – so ihr Deckname – habe resigniert: „Sie kehrt nie wieder.“ Aber die CDU habe ja noch genügend Potenzial: Andi Scheuer – „war ein Scherz“. Laschet zu nett, Spahn zu adrett, Merz zu April, Röttgen zu schlau – und keine Frau. Reis selbst nennt noch Julia Klöckner, „die ist süß“, oder Anja Karliczek, „die hat immerhin einen messbaren IQ“. Als Kanzlerkandidat käme auch der Gotteskrieger Markus Söder in Frage. Nein, dann doch lieber Angela Merkel. „Die macht nichts, aber es hilft.“ 

Unzählige Gedanken purzeln so im Lauf des Abends im Schweinsgalopp aus des Künstlers „überquellendem Gehirn“. Von den „Fridays-for-Future“ springt er über Allergien und Intoleranzen zur Angst vor Krankheit, Alter und Tod, zu Feminismus und Sprachpurismus, um schließlich – nach einem Exkurs zu den verschiedenen Religionen – beim Thermomix zu landen. Kurz: Thomas Reis brilliert gleichermaßen mit feinstem Humor, bissigen Sprüchen und derben Schenkelklopfern. Ein toller Abend.

Thomas Reis
29.02.2020

Shootingstar in der Krise

RHEINPFALZ, KULTUR REGIONAL

Von Sandrina Lederer

Neustadt-Mußbach. Er ist gerade einmal 25 Jahre alt, steckt aber bereits in einer Sinnkrise, wie er am Samstagabend bei seinem Auftritt in der Reihe „Kabarettissimo“ verriet. Der in Niederbayern, in der Nähe von Passau, aufgewachsene Shootingstar der Kabarettszene stellt sich des Öfteren die Frage nach dem Sinn des Lebens oder vielmehr: Wie kam er dazu, Kabarettist zu werden? Dabei hatte er doch eigentlich einen ganz anderen Lebenstraum: Opernsänger. Er habe sich schon als neuer Pavarotti, als „Martinello Frankelotti“, auf den Bühnen dieser Welt berühmte Opernarien schmettern hören, doch dieser Traum platzte jäh beim Vorsprechen am Salzburger Mozarteum.

Den Grund präsentierte er dem Mußbacher Publikum dann auch direkt. Beim berühmten Torerolied aus Bizets Oper Carmen hatte er doch glatt einen Texthänger. Was bei der Jury in Österreich wohl nicht so ankam, stieß in der Pfalz auf helle Begeisterung, denn der junge Bayer hat nicht nur ein bemerkenswertes Talent für scharfsinnige und unterhaltsame Pointen, sondern auch eine fabelhafte weiche Singstimme, die er zur Freude der Zuschauer gleich mehrmals zum Einsatz brachte.

Charmant, albern, spitzbübischBei Martin Frank wird schnell klar: Er gehört einfach auf die Bühne! Denn in dem 25-Jährigen schlummert ein wahrer Entertainer, der einfach rausgelassen werden möchte. Irgendwie kann Frank gar nicht anders, als zur kleinen Rampensau zu mutieren. Dabei ist er jedoch nie aufdringlich, sondern äußerst charmant, albern und spitzbübisch. Das zeigte sich schon direkt zu Beginn seines Programms, als er für sich selbst den Anheizer mimte und auf Tuchfühlung mit dem Publikum ging. Mit einem „Grüß Gott“, bei dem sein fränkisch gerolltes R bestens zur Geltung kam, schüttelte er einige Hände und hätte es sogar fertig gebracht, die Zuschauer für ein sportliches Warm-up zum Aufstehen zu bewegen, doch dieses verhinderte er mit einem „Sie haben doch bezahlt, da müssen Sie doch jetzt nicht aufstehen“.

Doch nicht nur das Aufwärmprogramm hätte das Publikum mit Martin Frank absolviert, auch seinen Wunsch nach einem tobenden Willkommensapplaus erfüllten ihm die Pfälzer. Als der Jungkabarettist, der ohne Kaba morgens nie aus dem Haus geht, zu Händels Wassermusik nach dem kurzen Warm-up erneut auf die Bühne trat, tobte das Publikum lautstark. „Das ist jetzt echt überraschend“, witzelte Frank, der für sein Debütprogramm „Alles ein bisschen anders“ mehrfach ausgezeichnet wurde. Obwohl er seine Heimat Niederbayern als das „Land der angeborenen Emotionslosigkeit“ bezeichnet, zeigte er dank seines schauspielerischen Talents, das er bei seiner Ausbildung an einer Schauspielschule in München noch verfeinern konnte, eine ganze Bandbreite an Emotionen.

Erdbeeren im Winter?Egal ob er seiner Oma eine Stimme gab oder ein schwules Modepaar den neuen hippen „Ich zeig meine gefrorenen Knöchel“-Hosentrend kreieren ließ, Martin Frank schaffte es mit seiner Spielfreude, die alle im Saal sofort in ihren Bann zog, wichtige Themen amüsant anzupacken und sie dennoch mit einem nachhallenden Unterton zu versehen, der nachdenklich stimmte. Gegen das hippe Superfood Avocado und Quinoa könne er mit seinem stinknormalen Marmeladenbrot beim Brunch unter Freunden nicht mehr bestehen, meinte Frank, der sich gleichzeitig darüber wunderte, dass man auch im Winter Erdbeeren kaufen kann: „Es verliert doch den Reiz, wenn ich alles das ganze Jahr über kaufen kann“, so Frank. 

Den Jammerern in Bezug auf den Fachkräftemangel in manchen Berufen, besonders in der Pflege, hielt er ebenfalls den Spiegel vor: „Ich lerne doch nicht etwas drei Jahre, wenn ich danach meine Familie nicht ernähren kann“, sagte der 25-Jährige, der sich generell mehr Lockerheit in Umgang mit manchen Themen wünsche. „Der Mensch ist so verkopft“. Denn „ohne Bachelor ist man der Depp“, und in Bezug aufs Geschlecht „wird die Auswahl immer größer“. Etwas mehr Akzeptanz für individuellere Lebenswege, wie seiner, sei durchaus wünschenswert. „Schön, wenn man Menschen findet, die diesen Weg mit einem gehen. Heute waren Sie das“, bedankte sich der Shootingstar bei seinem Publikum, das ihn mit lautstarkem Applaus verabschiedete.