Von Cosima Schade
Die Tischnachbarn, Stammgäste der ersten Stunde von Kabarettissimo im Herrenhof, Abonnenten, wie die Hälfte der 200 Zuschauer, sind voller Vorfreude auf den hyperaktiven Odenwälder mit dem Pferdeschwanz: „Gleich wird er wieder hin- und herrennen, aber der ist super.“ Sie haben ihn bereits bei seinen anderen Auftritten hier und auch im Fernsehen bei „Scheibenwischer“ und „Neues aus der Anstalt“ gesehen. Zunächst bleibt Weber aber mit ernster Miene ruhig stehen: Angesichts aktueller Katastrophen in der Welt – darf man im Kabarett lachen? Ja, es geht schließlich ums Essen, das muss man weiterhin und er blickt dabei ins essende und trinkende Publikum.
Um einen Übergang vom Politischen ins Private zu schaffen präsentiert er das 2007 erschienene Kochbuch „Das Parlament kocht“ von Ralf Frenzel. „Was kocht Merkel?“ Kohl. Und Olaf Scholz? Frühlingssuppe. Besser hätte wohl „armer Ritter“ zu ihm gepasst, witzelt der Comedian. Heute nutze er das Buch „zum Eier abschrecken“. Es stammt aus der Zeit, als Alfred Biolek Promi-Kochsendungen populär machte. Seitdem hat sich die Kochkultur verändert, auch Webers Programm, das es seit 2012 in stets aktualisierter Form gibt. Geblieben ist die „explosionsgetrocknete Tütensuppe“.
Ab jetzt rennt Weber wie erwartet auf der Bühne fortwährend hin und her, angetrieben von einem unglaublichen Witzturbo. Er ahmt einen 80er Jahre-Öko nach, als Bio noch nicht „in“, urban, Genuss war, sondern eher etwas für „blasse, verzichtsgeleitete Anthroposophen“, die er ausgiebig humoristisch beschreibt, holt dabei Tütensuppen aus seinem jutesackfarbenen Stoffbeutel und liest die Zutaten vor. Das Publikum soll raten um welche Suppe es sich handele. „Richtig. Zwiebelsuppe“. Zwiebelfrei mit „explosionsgetrocknetem Sellerie, reaktionsaromatisiertem Rindfleisch.“ Darauf folgt eine kurze Infotainment-Einlage des Comedians mit Chemie- und Biologiestudium über Zusatzstoffe und Absurditäten der Lebensmittelindustrie.
Alternative zur Astronautenkost: essen gehen. Aber wo? Deutsche, teutonische, fettige nordische, blutige Küche im „Rrrreichsadler“, Hitlerakzent nachahmend. Sushi – roher Fisch in kaltem Reis? Köttbullar von Ikea, die wie Elchköttel aussehen? Elegante französische Haxenpralinees? Fusionsküche, „Steckrübencarpaccio“ weil Steckrüben- „Uffschnitt“ banal klingen würde? Nächste Idee: Selbst kochen. Er gründet mit den Singles Bernd, Jürgen und Petra aus der „Elite Partner“-Vermittlung eine Slow-Food-Kochgruppe. Bio, nachhaltig, regional, frisch, ethisch rein solls sein. Allerdings kommt es nicht zum Kochen: einer hat „Chinarestaurantsyndrom“, verträgt also kein Glutamat, ein anderer ist auf Diät, hat „Zölllliakiii“ („dann bring sie doch mit“) oder ist Frutarier und isst nur, was die Natur freiwillig gibt. Besorgt lässt sich der Gastgeber vom „ökologischen Zentrum für exotische Essstörungen“ beraten. Schlussendlich sammeln sie im Dunkeln im Garten Nüsse – die gemäß Frutarierethik freiwillig vom Baum gefallen sind.
Er macht sich am Abend zwar auch über Veganer lustig: Seine Nichte habe ihn gefragt, ob er sich von seiner Blutwurst nicht übergeben müsse und antwortet darauf mit : „Im Gegensatz zu Deinem Quinoa-Auflauf bekomme ich das Zeug wenigstens vorher runter.“ Aber er hat Respekt vor ihrer Einstellung und der ihrer Generation. Er hält es für möglich, dass man in 20 Jahren keine „Veganerwitze“ mehr machen wird „wie die alten weißen Säcke“, er ist selbst 1974 geboren, sondern „Fleischerwitze“. Weil Geschmack und was eine Gesellschaft für essbar hält, dem kulturellen Wandel unterliegt. Er verweist auf den Ernährungsreport des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung, nach dem besonders die jüngeren Leute und gebildete Schichten weniger Fleisch essen. Der Focus liegt auf Gesundheit und Geschmack. Weber erklärt zudem, dass „echte“ Nahrungsmittelunverträglichkeiten tatsächlich zugenommen haben, verursacht durch die industrielle Lebensmittelherstellung.
Der Abend endet versöhnlich: Man solle einfach nach Bauchgefühl essen. In diesem Sinne auch die Zugabe: Ein Ausschnitt seines Programms „Durst – Warten auf Merlot“ über einen betrunkenen Piloten. Zum Brüllen. Comedy pur. Prost!
Quelle
| Ausgabe | Die Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 240 |
| Datum | Montag, den 16. Oktober 2023 |
| Seite | 19 |
Von Anke Wanger
Sie stehe vor einem „sexy Publikum in Muuusbach“, meinte Nessi Tausendschön zur Begrüßung, die sich als „joke acout facility managerin“ und „Ulkkurtisane“ sah. Dafür gab es einzelnes Gelächter, erstaunte Blicke und vereinzelten Applaus. Mußbach blieb den Abend über Muuusbach und wieso sexy, erschloss sich trotz wortreicher Ausführungen über Kabarettbegeisterte contra unsexy Jazzbegeisterte nicht so richtig, doch Sex sollte noch eine Rolle spielen.
Nachdem sie feststellte, dass „die Künstlerin eben ab und zu einmal gern mit absurden Ideen verblüffe und man eben auch für diesen Scheiß zahlen müsse“, wuchs die Vorfreude nach der Selbsterkenntnis auf jetzt wohl einziehendes, knackiges Kabarett, immer am Ball bei kritisch diskutierten, aktuellen Gesellschafts- und Politik-Themen, scharfzüngig im hier und jetzt und einige Jährchen zurück.
Doch es war, wie so häufig bei aktuellen „Kabarettprogrammen“, eigentlich ein Comedy-Abend mit kabarettistischen Einlagen. Allgemeine Themen wie die „Fähigkeit der Menschen, zu vergessen“, Auftrittserlebnisse, Beziehungswitze und -analysen, Ansichten über ihr Berufsverständnis und „Jonglage- und Zaubereinlagen“ ihres Musikers nahmen großen Raum ein. Daran änderte auch Tausendschöns Definition nichts, dass die Comedienne ihr Programm wegen „dem Geld“ und die Kabarettistin ihr Programm wegen „des Geldes“ mache. Kabarettistische Einwürfe gerieten wenig differenziert in ihrer versuchten Bissigkeit.
Wo demokratisch, spitzfindiges Abgrenzen von politischen Sachverhalten mit witzigen Beispielen und messerscharfen Analysen Spaß gemacht hätten, standen mehr oder minder Feststellungen ohne tiefgreifendere kabarettistisch humorige Aufarbeitung. Der Applaus war verhalten. Die Stimmung hob sich nach musikalischen Darbietungen.
Denn Tausendschön zeigte sich als durchaus fesselnde Diseuse und Chansonnière, die mit ihrer singenden Säge und ihrem mitreißenden Partner William Mackenzie an den Gitarren ein hörenswertes Duo bildete. Die starke Stimme und originelle Songtexterin erklang mit ihrem einfallsreichen Musiker und versierten Begleiter in harmonischer Einheit. Ein Song wie „Sehnsucht nach Sehnsucht“, der dem Reiz des Kargen ein Forum gab, oder das Liebeslied „Auch, wenn du gehst“ hatten nicht nur eingängige Melodien, sondern neben Witz auch Botschaft.
Wer auf übermäßigen Konsum verzichtet, schätzt alles mehr und wer liebt, bleibt auch in trüben Situationen füreinander da. Zwischen den musikalischen Einlagen, sicher begleitet von Ton- und Lichteffekten von Frank Ruppert, legte die wandelbare, eloquente Künstlerin „English-Talks“ mit ihrem kanadischen Musiker und für „die internationale Note ihres Programms“ ein, die sehr zur Belustigung der Gäste damit endeten, dass Tausendschön vermeiden wollte, sich „over head and shoulder“ zu talken, was ihrer Übersetzung nach „sich um Kopf und Kragen reden“ hieß. Sie empfahl mit „sis is fun to do like sis, do it at home“ jedem ein hemmungsloses Englisch zum Spaß. Von Zeit zu Zeit trat Tausendschön an ihren Lesetisch, las von ersten Auftrittserlebnissen mit der bedauernden Erkenntnis, dass ihr ein „Hochschlafen“ im Bereich des Kabaretts kaum möglich gewesen sei, da sie im schwarzen Rollkragenpulli keinen Kleinkunstmogul hätte bezirzen können, insbesondere, wenn die oft lieber Männern den Vorzug gegeben hätten. Sie sprach von ihren Erfahrungen in muffigen, winzigen Garderoben bei ihren Auftritten. Dank dieser unmöglichen Rückzugsorte sei sie zur Dekofee geworden und habe stundenlange Zugaben nur gegeben, um nicht zurückkehren zu müssen. Der Gang zum Sportreportertisch als Gesine Töpperwein-Hartmann von den Europameisterschaften im Kunstvögeln gerät zum belachten Temperamentsausbruch Tausendschöns. „Danke für das schöne Geräusch“, konnten sie und ihr Musiker Mackenzie dann einmal mehr zum Ende der Veranstaltung sagen, als sie ein wohlwollender Schlussapplaus begleitete.
Quelle
| Ausgabe | Die Rheinpfalz Mittelhaardter Rundschau – Nr. 223 |
| Datum | Montag, den 25. September 2023 |
| Seite | 21 |